Leseprobe aus Der Turm des Roten Königs:

Kapitel 1

„Würde man nicht erwarten, dass die Tochter bei der Verbrennungszeremonie ihrer Mutter irgendwelche Emotionen zeigt?“

„Ja, schon.“

„Na also. Aber die stand einfach nur da und starrte Löcher in die Luft. Keine Tränen, kein Geheul. Das ist nicht normal für so ’n junges Ding. Sie ist nicht ganz richtig im Kopf, sag ich dir.“

„Hm.“

„Wie die Mutter, so die Tochter, heißt’s doch. Ich jedenfalls tue mir schwer, sie mir an der Seite des Königs vorzustellen. Vielleicht hätten sie eher das Symamädchen nehmen sollen.“

„Na, dafür ist es jetzt zu spät.“

Schweigen und das Rascheln von Stoff.

„Trotzdem“, fing der Erste wieder an, „die sitzt seit zwei Tagen hier, isst nicht und spricht nicht … Wer weiß, wann da endlich die Große Einheit kommt.“

„Bald, hat der Priester doch gesagt.“

„Ach, bald? Das sagen sie wahrscheinlich schon seit zweihundert Jahren.“

Die beiden lachten. 

„Aber jetzt mal ehrlich. Kannst du dir die Kleine und den König vorstellen? Die frisst er doch zum Frühstück.“

Die Antwort verstand Merle nicht mehr. Sie drückte sich die Hände auf die Ohren. All das wollte sie nicht hören. Aber auf dem Boden sitzend und mit dem Rücken gegen die Tür ihres Turmgemachs gelehnt, ließ sich das wohl nicht vermeiden. Die Männer, die dahinter Wache schoben, sprachen entweder über das miese Burgessen, ihre Abenteuer mit der Magd Frieda oder eben über sie, Merle. 

Stur starrte sie geradeaus auf die Öffnung des vergitterten Fensters, durch das sie das Blau des Himmels sehen konnte, und versuchte die Bilder des Feuers und den Gestank von brennendem Fleisch aus ihrem Kopf zu vertreiben. Es gelang ihr nicht. Wieder stand sie dort, mit gebundenen Händen und umgeben von Soldaten, auf einer überschatteten Tribüne und blickte über den mit hellen Steinen gepflasterten Platz, auf dem es vor Menschen wimmelte. In der Mitte hatte man ein Holzgerüst errichtet und darauf einen Scheiterhaufen.

Das Gestell war so hoch, dass Merle den in weiße Tücher eingeschlagenen Körper nicht hatte sehen können. Und als das Gerüst, von Flammen verzehrt, schließlich in sich zusammenstürzte und Funken und Rauch in den Himmel jagten, war schon nichts mehr von Bel übrig. 

Es stimmte, Merle hatte nicht geweint. Sie hatte eigentlich gar nichts gefühlt, außer der bedrängenden Gegenwart des Königs, der nicht weit von ihr auf einem erhöhten Thron gesessen und die Zeremonie mit ausdrucksloser Miene verfolgt hatte. Ein weiterer Grund, warum sie ihn hasste. Seinetwegen war sie nicht einmal imstande gewesen, ihre Mutter zu betrauern. 

Probehalber ließ sie die Hände von den Ohren gleiten.

„… Zeit, dass die Ablöse kommt. Mir hängt der Magen schon zwischen den Knien.“

„Na, bis wir unten sind, dürften die Pasteten alle sein.“

„Fleischpasteten?“ Ein gequältes Geräusch. „Ah, da gibt’s endlich mal was Essbares, und wir kommen zu spät.“

Schweigen und das Tappen unruhiger Schritte auf dem Treppenabsatz. 

Dann dieselbe Stimme, aber im Flüsterton. „Lass uns doch einfach schon runtergehen. Die Kleine rührt sich seit zwei Tagen nicht. Warum sollte sie ausgerechnet jetzt munter werden?“

Ein Zungenschnalzen. „Ich weiß nicht. Es hängt ja nicht mal ein Schloss an der Tür …“

„Ach, komm! Die andern sind schon auf dem Weg. Und wo soll das Mädel denn hin? Unten trifft sie doch nur auf die Leibgarde.“

„Hm.“

Ein ungeduldiges Seufzen. „Na, dann bleib du hier und warte. Ich leg dir ein paar Pasteten beiseite …“

„Kommt gar nicht infrage! Ich komme mit.“

Lachen. „Aber leise, damit sie uns nicht hört …“

Das Stoffrascheln und Tappen entfernte sich nach unten.

Gespannt tastete Merle nach den beiden Glasperlen um ihren Hals, Skips blauer Perle und Kenais schwarzer mit der silbernen Zickzacklinie. Von keinem der beiden wusste sie, ob er noch lebte. War Skip aus dem Tempel in Port Rona entkommen? War er frei? Und was hatten der König und Bergan Kenai angetan? Merle würde sich nie verzeihen, dass sie ihn dort zurückgelassen hatte, auf den Steinplatten von Bergans Labor.

Die Stimmen klangen nun weiter entfernt. Die zwei waren wohl unten im Turm auf besagte Leibgarde gestoßen. Gedämpft drangen von draußen die Gongschläge des Donidentempels herein.

Merle erhob sich, küsste ihre Perlen und schob sie unter das Hemd. Ihr war ein wenig schwindlig, wahrscheinlich weil sie so lange nichts gegessen hatte. Doch das beachtete sie nicht, sondern legte eine Hand auf die Klinke. Mit leisem Knarzen ließ sie sich nach unten drücken, und die Tür schwang auf. Barfuß trat Merle auf den steinernen Absatz und wartete, bis ihre Augen sich an die Düsternis gewöhnt hatten. 

Als man sie hergebracht hatte, war es tiefe Nacht gewesen. Ihre Erinnerungen waren durch Angst und den vorausgegangenen Schlafmangel getrübt. Nun verfluchte sie sich dafür, dass sie nicht besser aufgepasst hatte. Doch sogleich wurde ihre Aufmerksamkeit von einer Bewegung in der Dunkelheit angezogen. Auf der Wendeltreppe, die sich im Innern des Turms zu ihr nach oben wand, stieg jemand die Stufen hinauf. 

Sie erstarrte, und auch der Mann hielt inne, als er sie auf dem Absatz vor der Tür stehen sah. Sein Gesicht wurde vom Schein der Kerze gerade noch erfasst. Eine tiefe Narbe zog sich von seiner linken Schläfe bis zum Kinn. Der Kerl war hoch und breit wie ein Schrank. Sein Schädel war kahl rasiert, und die Augen zeigten jene eiserne Härte, die ihr sagte, dass sie von ihm kein Mitleid zu erwarten hatte. Seinen rechten Arm bedeckten Tätowierungen aus Flammen, Totenköpfen und ineinander verschlungenen Donidenzeichen bis hinauf über den Halsausschnitt seines Hemds. Ein Leibgardist. 

„An deiner Stelle würde ich das nicht tun“, sagte er und versperrte ihr den Weg die Treppe hinunter. „Geh wieder rein! Es ist dir nicht gestattet, dieses Gemach zu verlassen.“

Merle sah aus den Augenwinkeln, dass die Treppe nach oben frei war.

Der Leibgardist schüttelte den Kopf. „Keine gute Idee“, sagte er warnend. 

Doch da hatte Merle sich schon umgedreht und sprang, drei Stufen auf einmal nehmend, die steile Wendeltreppe empor. Weit kam sie jedoch nicht. Unvermittelt endete die Treppe vor einer Tür. Die Kerze daneben flackerte und verlosch im Zug, als Merle sich dagegenwarf. 

Grelles Tageslicht empfing sie auf der anderen Seite. Sie fand sich hinter den Zinnen des Turms wieder, auf einem Flachdach, umgeben von einer steinernen Brüstung. Der Rundumblick verschlug ihr den Atem. Die Dalebene, die Berge, der weite Himmel … und die Wachposten.

Die beiden Männer, die gerade noch an der Brüstung gelehnt hatten, wandten sich überrascht um. Und auch der Leibgardist stand schon hinter ihr im Türrahmen.

„Das war’s“, sagte er. „Ende des Ausflugs.“

Die beiden Wachposten erfassten die Lage und näherten sich von der anderen Seite. 

Merle ging leicht in die Knie und hob die Arme, bereit zuzuschlagen, so wie sie es von Drain gelernt hatte. 

„Du machst es nur schlimmer“, sagte der Leibgardist.

„Ich wüsste nicht, wie es schlimmer kommen könnte“, erwiderte Merle. 

Die Wächter umzingelten sie. Merle sprang zur Seite und rammte dem einen den Ellenbogen in die Nieren. Fluchend taumelte er rückwärts, was es Merle erlaubte, an die Brüstung zurückzuweichen und sich so einen freien Rücken zu verschaffen. 

Der Wind zerrte an ihren dunklen Locken, während der Leibgardist und die beiden Wächter den Kreis um sie schlossen. Sie waren nun deutlich mehr auf der Hut. 

Merle schlug das Herz bis zum Hals. Was tat sie da eigentlich? Ihr Vorhaben war aussichtslos. Egal ob sie diesen Kampf gewann oder nicht, sie würde sich wohl kaum einen Weg aus der Zitadelle hinaus erkämpfen können, vorbei an zahllosen Wachposten, Dienern, Soldaten und nicht zuletzt dem König selbst. Andererseits, was hatte sie noch zu verlieren? 

Sie biss die Zähne zusammen. Die Mauer fiel hinter ihr unendlich tief senkrecht nach unten. Eine Windböe gab ihr einen Schubs, bis ihre Ferse an den Fuß der brusthohen Mauer stieß. Sie warf einen schnellen Blick über die Schulter, und die Tiefe machte sie schwindeln. Weit unten im Hof stand ein Pferd neben dem Brunnen. Dort würde sie wohl aufschlagen, wenn sie hinunterstürzte. 

„Mädchen!“ Die Stimme des Leibgardisten klang alarmiert.

Merle wandte ihm wieder das Gesicht zu. Der Wind trieb ihr Tränen in die Augen. Sie lehnte sich noch weiter zurück und konnte die Leere hinter sich spüren. Einen Moment schien nichts einfacher, als sich fallen zu lassen und davonzufliegen. Doch dann tauchte Kenais Gesicht in ihrem Kopf auf. Sie meinte das tröstende Ziehen seiner Gabe zu spüren, als stünde er neben ihr. Sie schloss die Augen.

Grobe Hände packten sie am Oberarm und zerrten sie von den Zinnen zurück. Der Leibgardist wirkte nun ein wenig blass um die Nase und stieß sie ohne ein weiteres Wort zurück in den Treppenturm. Erst als sie im Gemach standen, richtete er wieder das Wort an sie.

„Glaubst du, du wärst auch nur einen Augenblick unbewacht gewesen?“, fragte er barsch. „Lass dir eins gesagt sein.“ Er hob den Zeigefinger vor ihr Gesicht. „Diese Tür ist Tag und Nacht unter unserer Aufsicht. Fluchtversuche sind absolut sinnlos. Aus der Zitadelle kommst du nicht raus. Und auf den Turm wirst du auch nicht mehr gehen, verstanden?“ 

Merle blickte zu ihm auf. Der Sog der Tiefe lag ihr noch immer im Magen. Sie schwieg.

Der Leibgardist räusperte sich und nahm eine gefasstere Haltung an. „Jeder hier weiß, wer du bist. Jeder, dem du über den Weg läufst, wird deine Flucht ebenso verhindern wie ich.“ Er betrachtete sie prüfend. „Und der König wird erzürnt sein, wenn er hiervon erfährt.“

„Dann sag es ihm nicht“, erwiderte Merle. 

Kurz maßen sie sich mit ihren Blicken. Dann drehte er sich um und verließ das Zimmer. Die Tür knallte hinter ihm zu. 

* * *

Kenai hegte den Verdacht, dass diese Nacht nichts mit Sonne und Mond zu tun hatte. Nur manchmal meinte er einen blassen Schimmer wahrzunehmen, ganz am Rande seines Bewusstseins. Aber dann kehrte schon die Dunkelheit zurück. Vielleicht war er ja auch schon tot. Vielleicht lag sein Körper kalt unter der Erde, und sein Geist wusste es nur noch nicht. 

Er wollte so gern an Wunder glauben. Dabei waren Wunder nie seine Sache gewesen. Solana war diejenige, die an das Gute glaubte, stets mit einem Lächeln auf den Lippen. Auch damals, als sie sich von Kenai verabschiedet hatte.

„Stell dir vor, ich werde eine andere Geberin kennenlernen!“, hatte sie gejubelt. „Ich werde reisen und so vieles lernen!“

Kenai hatte Einwände gehabt. Die Arbeit, die Fischerei, die Familie … wie konnte sie all das liegen lassen? Noch dazu wo er wieder einen Auftrag von diesem zwielichtigen Burschen aus Dalsburg angenommen hatte. Alkohol und Kareiva sollten es diesmal sein. Nur eine Fahrt die Küste hinauf bis Port Hevar. Aber wenn Solana nun auch fortging, würden die Eltern und der Bruder mit der Arbeit alleine bleiben. 

Ach, sei’s drum! Er konnte den Auftrag nicht abgeben. Sie brauchten das Geld. Und wer konnte Solanas Charme schon widerstehen? Er nicht. Auch nicht seine Mutter. Und Vater fraß ihr sowieso aus der Hand. Solana hatte sie alle um den Finger gewickelt. Und sie alle hatten Bergan vertraut, dem Gabengelehrten aus der Wüste Tata, der sein Wissen so freizügig mit ihnen teilte. Keiner war auf die Idee gekommen, zu fragen, warum er all das tat und warum er eigentlich bei ihnen war. Die Stämme der Wüste und die Syma mieden sich normalerweise.

„Lass Solana doch gehen!“, hatte Kenais Vater gesagt. „Feistar Bergan wird für sie sorgen. Und vielleicht findet sie auch endlich einen Mann, der ihrer Herr wird.“ Er lachte. „Manchmal kommst du mir älter vor als ich selbst, mein Sohn. Warum gehst du nicht auch mit?“

Doch Kenai hatte griesgrämig den Kopf geschüttelt. Reisen während der Fischsaison und bei ihren finanziellen Schwierigkeiten? Unmöglich. Nur ein Freigeist wie Solana entzog sich den Pflichten ohne schlechtes Gewissen. Sie war auf Bergans Wagen gestiegen, hatte ihnen zum Abschied gewunken, und das war das letzte Mal, dass Kenai seine Zwillingsschwester gesehen hatte. 

Danach kamen Tod und Zerstörung über Westa. Kenai hatte zum ersten Mal seine Gabe eingesetzt, um Menschen Schaden zuzufügen. Er hatte zum ersten Mal getötet. In nur einer Nacht ging seine Heimatstadt unter, und zusammen mit ihr starb auch seine Familie. Er selbst überlebte nur dank eines Zufalls, denn er war auf dem Meer gewesen und hatte den fernen Feuerschein im Osten gesehen. Ein roter Mond stand darüber am Himmel. Der Blutmond, der den Syma als böses Omen galt. Kenai war so schnell wie möglich zurückgesegelt, doch es war schon zu spät gewesen. Zu spät zum Kämpfen und zu spät zum Sterben. 

Ein überlebender Nachbar hatte ihm berichtet, dass Stammeskrieger der Wüste es auf seine Familie abgesehen hatten. Das Haus seiner Eltern war das erste, in das sie eingefallen waren. Und sie hatten lange nach ihm gesucht.

„Nach mir?“, fragte Kenai entgeistert. 

Der Greis nickte. „Ja, Kenai den Begabten haben sie gesucht.“ 

Der Alte sprach es nicht aus, aber Kenai sah in seinem zerfurchten Gesicht und in den schlimm zugerichteten Leichen seiner Angehörigen, dass sie gefoltert worden waren. Wegen ihm, wegen des Begabten Kenai.

Zum Glück war Solana nicht hier gewesen. Er fragte den Alten nach ihr, und der schüttelte den Kopf. „Nein, nur nach dir haben sie gesucht.“

Kenai bestattete seine Eltern und seinen Bruder und machte sich mit falschen Papieren auf den Weg in die Glasbläserstadt Kargad, im Norden Terias. Bergan hatte sie als Wohnort der anderen Geberin und sein Reiseziel ausgegeben. Kenai hörte sich dort um. Er sprach mit Einheimischen, Reisenden und Kaufleuten. 

Und einer, der regelmäßig zwischen der Hauptstadt und Kargad unterwegs war, stutzte. „Bergan? Feistar Bergan? Das ist doch der Hohepriester des Donidentempels! Des Königs rechte Hand.“

Kenais Fragerei hatte Aufmerksamkeit erregt. Nur dank der Gabe gelang es ihm, in der folgenden Nacht zu entkommen. Und nur dank der Gabe fand er heraus, dass der Befehl für seine Festnahme aus Dalsburg gekommen war. Er schämte sich für die Qualen, die er dem Mann bereitet hatte, um ihn zum Reden zu bringen. Und manchmal überkam Kenai auch jenes Verlangen, die Gabe freizulassen und noch mehr zu nehmen. Doch davor graute ihm. Früher hatte er das nie empfunden. Aber früher hatte er die Gabe auch nie nach eigenem Gutdünken gebraucht.

Nach der Vernehmung des Mannes hatte er eins und eins zusammengezählt. Bergan hatte seine Spitzel in Kargad postiert, nachdem seine Leute Kenai in Westa nicht hatten finden können. Der Donidenpriester wollte ihn tot sehen. Und er hatte Solana nie nach Kargad gebracht, um dort eine andere Geberin zu treffen. Stattdessen hatte er Kenais Schwester nach Dalsburg in den Donidentempel geschafft, um sie dem Roten König zu bringen. Und dort war sie gestorben. 

Kenai hatte furchtbare Rache geschworen und war nach Dalsburg aufgebrochen, wo er Bergan und den König richten wollte, selbst wenn es sein Leben kosten mochte.

Und dann … dann war ihm Merle über den Weg gelaufen. 

Das Klirren von Ketten riss ihn aus der Finsternis seiner Gedanken und holte ihn an die Oberfläche seines Bewusstseins zurück. Das Geräusch erschien ihm so laut wie das Kreischen eines Schweins. Die Kälte kehrte in seine Knochen zurück und das Rasseln in seine Lungen. Er fühlte sich elend. 

Dann geschah etwas Ungewöhnliches. Er sah Licht. Verwaschen war es und genauso dunstig wie das brennende Westa am Horizont. War diese ewige Nacht endlich zu Ende?

Er hörte Klappern, Plätschern und Stimmen. Mit unendlicher Mühe zwang er sich, die schweren Lider zu heben. Zäh klebten sie an seinen Augäpfeln. Und als er sie endlich offen hatte, da sah er einen riesigen Spiegel am Boden liegen. Ein Mann kam auf ihn zu, und bei jedem Schritt schlug der Spiegel Wellen wie flüssiges Silber. Kenai konnte seinen Blick nicht davon lösen. Sein eigenes Gesicht blickte ihm daraus entgegen, mal grausig verzerrt, mal lachend verzogen. Jemand stieß ihn in eine sitzende Position, und fasziniert sah Kenai zu, wie seine Füße im Spiegel versanken. 

„Der’s nischt bei sisch“, sagte eine nuschelnde männliche Stimme. Kalte Finger legten sich auf Kenais Stirn. „Fieber würd’sch sagen.“

„Dort hinüber mit ihm!“, sagte eine andere Stimme, heiser und rau wie ein Hobel auf einem Stück Holz. 

Kenai kannte diese Stimme, aber er konnte sich nicht erinnern woher. Grobe Hände zerrten ihn hoch. Man setzte ihn auf einen Stuhl, und kaltes Eisen schloss sich um seinen Hals, die Oberarme und die Knöchel. In seinem Kopf drehte sich alles. War der Spiegel nun oben oder unten? Befand er sich in einer Höhle? Dort in der Ecke hing eine riesige schwarze Fledermaus, die ihn mit gelben Zähnen angrinste. Kenai zitterte.

Dann fuhr ein stechender Schmerz in sein Handgelenk. Ein Brennen rann durch seine Adern wie flüssiges Feuer, machte ihn taub und blind. Wie von fern hörte er ein Kreischen. Er wollte sich mit der Gabe zur Wehr setzen, doch sie gebärdete sich wie ein wildes Tier und gehorchte ihm nicht.

Unvermittelt kehrte die Nacht zurück, und Kenai fürchtete sich. Nun war er nicht mehr allein, denn in der Finsternis lauerte eine Bestie. Und es war nur eine Frage der Zeit, ehe sie ihn verschlingen würde.

Kapitel 2

„Feiglinge!“, brüllte Merle. Ihre Stimme war von all dem Schreien bereits kratzig geworden. „Macht die verdammte Tür auf!“ Mit den Fäusten hämmerte sie so heftig dagegen, dass ihre Schläge im Treppenturm widerhallten.

Niemand antwortete. Sie versetzte der Tür einen Tritt und sah sich gereizt in ihrem Turmgemach um. Das Bett war so groß, dass eine fünfköpfige Familie darin Platz gefunden hätte. Die Decke so hoch, dass nicht mal Skip sie mit ausgestrecktem Arm hätte berühren können. Die beiden Truhen an der Wand wirkten wie eisenbeschlagene Särge, und der riesige Kamin, mit seinem auf Säulen ruhenden Abzug, glich einem Vordach. 

Das Gemach hatte jedoch schon unter ihrer Anwesenheit gelitten. Auf der Suche nach einem brauchbaren Gegenstand, um das neue Schloss an der Tür aufzuhebeln oder die Gitter am Fenster aufzubrechen, hatte sie die Schubladen aus der Kommode gerissen und den Inhalt überall verstreut. Das Zimmer glich nun einem Schlachtfeld. Warum trieb der Rote König den Aufwand, sie den halben Dal hinauf von Port Rona bis hierher in seine Zitadelle zu schaffen, nur um sie jetzt in dieser Kammer verrotten zu lassen? 

Zornig blickte sie auf ihre geballten Fäuste hinunter. Schürfwunden und blaue Flecken zeichneten sich auf der Haut ab. Immer wenn die Verzweiflung sie zu überwältigen drohte, hämmerte sie auf diese Tür ein. Sie schimpfte, befahl, und manchmal bettelte sie auch. Nichts hatte sich dadurch geändert. Der Rote König ignorierte sie. Niemand gab Auskunft, niemand sprach ein Wort mit ihr. Sie wusste nicht einmal, ob Kenai noch lebte oder was mit Skip geschehen war. Die Sorge um ihre Freunde und ihren Vater Carl fraß an ihren Nerven. Die Rebellen mussten von Bels Tod erfahren haben, schließlich war die Verbrennung ein Großereignis in Port Rona gewesen. Es musste Carl das Herz gebrochen haben. Und das war ihre Schuld …

Merles Schultern sackten nach unten, und bittere Verzweiflung hüllte ihr Herz in grauen Nebel. Sie sah Bel, wie sie dünn, blass und durchscheinend auf dem Boden lag, die Hände nach dem Rotkehlchen ausgestreckt, das Merle Klette genannt hatte, weil es ihr monatelang durch ganz Teria gefolgt war.

Jetzt war Bel tot. Und Klette vermutlich ebenso. Obwohl Merle meinte, sich zu erinnern, dass der Körper des anhänglichen Vogels nicht mehr da gewesen war, als sie zu ihrer Mutter zurückgeblickt hatte. Larren Adoray Donatus, der Rote König, der letzte Donide und mächtigste Gabenträger, hatte beendet, was immer ihre Mutter vorgehabt hatte. Den letzten Tropfen Lebenskraft hatte er ihr gestohlen. Er war Bels Mörder, vielleicht auch der Mörder Kenais und Klettes. Der Mörder von Skips Eltern. Und wahrscheinlich würde er auch Merles Mörder werden.

Sie biss die Zähne fest zusammen. Zorn war leichter zu ertragen als Hoffnungslosigkeit und Trauer. Doch bisher hatte die Wut nur zu zerschundenen Händen und einer heiseren Stimme geführt. Merle senkte den Kopf und starrte auf die Holzdielen, die so glatt poliert waren, dass die durchs Fenster einfallenden Sonnenstrahlen sich darauf spiegelten. Sie erhob sich und trat in die Fensternische, in der links und rechts je eine Sitzbank ausgemauert war. Kissen und Felle machten sie zu einem behaglichen Ruheplatz mit Sicht auf die zahlreichen Höfe und Gebäude der Zitadelle. 

Unter der Burg schmiegte sich die Stadt an den Hügel, und die Dalebene lag noch im Morgendunst. Die Schwarzen Berge dahinter zeichneten sich gräulich gegen den heller werdenden Himmel ab. Zu einer Zeit, die Merle nun unendlich weit weg erschien, hatte sie mit Kenai diese Berge überquert. Sie sehnte sich danach, seine Gabe um sich streichen zu spüren, sein Lachen zu hören und sein vernarbtes Augenlid zu küssen. Ihre Finger schlossen sich um das Eisengitter vor dem Fenster. Sie lehnte sich dagegen und atmete den kühlen Wind ein, der den Turm umwehte. Es roch nach den Abfällen der Stadt, nach Essen und Stall. Sie atmete tiefer ein, in der Hoffnung einen Hauch von Freiheit darin zu finden. Wasser, Schlamm, Gischt oder Meer, den kalten Atem der Berge.

Leise Stimmfetzen drangen zu ihr empor. Unten in einem der Übungshöfe standen Männer zusammen, vermutlich die Wachablösung. Eine Weile sah Merle ihnen zu, wie sie langsam die Mauern abschritten und sich dabei unterhielten. Hier und da drang bereits Licht aus den Fenstern der Burg. Es kribbelte ihr geradezu in den Beinen, so sehr wollte sie sich bewegen. Dies war bereits der dritte Tag, den sie hier verbrachte. Und auch davor war sie gefangen auf dem Schiff, gefesselt in einer Kutsche oder eingesperrt im Palast von Port Rona gewesen. Das Nichtstun machte sie wahnsinnig, und immer wieder überkam sie das Gefühl, in diesen Mauern zu ersticken. Eine Trainingsstunde mit Drain wäre eine Wohltat gewesen, egal wie viele Hiebe sie dabei eingesteckt hätte. 

Sie begann unruhig im Zimmer auf und ab zu laufen. So konnte es doch nicht weitergehen. Wenn sie nicht vor Hunger oder an erstickter Wut starb, dann aus Langeweile. Unentschlossen blickte sie sich um. Wenn sie ein wenig Ordnung schaffte, dann hätte sie genug Platz, um Drains Übungen zu wiederholen. Es würde sie beschäftigen und von den Erinnerungen ablenken, die sie nur hoffnungslos und verzweifelt machten. 

Merle stellte also die Stühle und das Tischchen wieder aufrecht hin, schob die Schubladen in die Kommode, warf auch all die Deckchen, das Handarbeitszeug und die Kleidungsstücke hinein und schob die Truhen mühsam zurück an die Wand. Sie zog den Mantel aus, stellte sich in Position und konzentrierte sich darauf, die Bewegungsabläufe hervorzukramen, die Drain ihr den ganzen Winter lang eingebläut hatte. Erst langsam und steif, dann immer schneller und geschmeidiger, fand sie ihren Rhythmus. Sie übte so lange, bis sie schwitzte und ihre Muskeln brennend nach einer Pause schrien. Erst dann lehnte sie sich gegen das Fenstergitter und wartete darauf, dass sich ihr Atem beruhigte. 

Sie war bei Weitem nicht in der Form, die sie am Ende des Winters gehabt hatte. Doch von heute an würde sie wieder üben, nahm sie sich vor. Jeden Tag. Und wenn es nur dafür war, dass sie im entscheidenden Moment die Kraft besäße, den Roten König ihren Zorn spüren zu lassen. Im besten Fall aber konnte sie ihn überraschen. Irgendwann würde er sie sicher aufsuchen. Und dann würde Merle jede Chance nutzen, um sich zu rächen. 

Aus den Übungshöfen schallten Rufe und Waffenklirren herauf. Auch die Soldaten übten sich in der Kampfkunst. Merle blickte auf den Sandplatz, wo sich Leibgardisten in Lederharnischen in weitem Kreis um zwei Kämpfer aufgestellt hatten. Sie fochten nicht mit den hölzernen Übungsschwertern, sondern mit echten Waffen. Das helle Klirren schallte von den Mauern wider. Doch nicht der Kampf war es, der Merles Aufmerksamkeit fesselte, sondern wer dort unten kämpfte. Es war der König. Und er schwang das Schwert so elegant wie ein Tänzer und so zielsicher, als wäre es ein Teil seiner selbst. Der Leibgardist, der ihm gegenüberstand, sah das Ganze sichtlich nicht als Übung an. Er kämpfte um sein Leben. Sein Keuchen konnte Merle bis in ihr Turmzimmer hören. Sie vermochte seine Angst förmlich zu riechen. Sein Blut hinterließ bereits dunkle Flecken im Sand. Warum, bei der großen Einheit, griff niemand der Umstehenden ein? Warum halfen die Leibgardisten ihrem Kameraden nicht?

Der König trug ein makellos weißes Hemd und keinerlei Rüstung. Seine Ärmel hatte er bis zu den Ellenbogen hochgekrempelt. Er holte zu einem mächtigen Schlag aus, der das Schwert seines Gegners — oder sollte man besser sagen: Opfers? — in hohem Bogen davonfliegen ließ. Doch statt die Klinge nun in den Hals des am Boden Liegenden zu rammen, ließ er die Waffe fallen und legte stattdessen die Hände an den bloßen Hals des Mannes. 

Die Gabe leuchtete auf wie eine Stichflamme. Die Haut des Königs schimmerte so hell, dass Merle die Augen zusammenkneifen musste, und sie prallte gegen die Gitterstäbe am Fenster, so heftig zog die Gabe sie zum König hinunter. 

Aber so schnell, wie es begonnen hatte, war es auch wieder vorbei. Erschrocken über sich selbst, trat Merle vom Gitter zurück. Der Leibgardist rührte sich nicht mehr. Der König wankte ein paar Schritte rückwärts. Er blickte mit hängenden Armen in den Himmel. Oder hatte er die Augen geschlossen? Merle konnte es auf die Entfernung nicht erkennen, aber es wirkte, als genösse er diesen Moment. Kaltes Grausen rieselte ihr die Wirbelsäule hinunter. 

Eine Trage wurde herangeschafft. Zwei Soldaten hievten den Besiegten darauf und trugen ihn davon. Die anderen zerstreuten sich. Der König blieb noch einen Moment stehen, hob dann sein Schwert auf und wischte es an seiner Hose sauber. Seine Haut glomm noch immer, und selbst von so weit oben konnte Merle die Auswirkungen seines Banns spüren. Der Wunsch, ihm nahe zu sein und ihm zu gefallen, regte sich in ihr, obgleich sie genau wusste, wie verabscheuungswürdig das war. Eigentlich wollte sie sich abwenden, um ihn nicht länger ansehen zu müssen. Doch es gelang ihr nicht. Ihr Blick hing wie festgesogen am König. Und in diesem Augenblick wendete er den Kopf und sah zu ihr nach oben. 

Schrecken durchzuckte Merle. Der Bann war gebrochen, und ruckartig trat sie vom Fenster zurück. Wahrscheinlich hatte er nichts als eine dunkle Fensteröffnung im Turm gesehen, versuchte sie sich zu beruhigen. Mit den Kniekehlen stieß sie gegen die gemauerte Bank und setzte sich. Plötzlich fühlte sie sich kraftlos.

Nachdem sie wer weiß wie lange so dagesessen hatte, hörte sie Schritte im Treppenturm. Es rasselte, und dann knackte es im Türschloss. War es der König? Hatte er sie doch gesehen? Merles Herz schlug sogleich einen Takt schneller. Sie stand wieder auf. Was immer er von ihr wollte, sie würde ihm die Stirn bieten! Wenn sie schon unterging, dann zumindest mit erhobenem Haupt.

Die Tür öffnete sich, und der Leibgardist mit dem narbigen Gesicht trat ein. Noch ein zweiter folgte, der jünger und schmaler gebaut war. Aber auch sein Ausdruck ließ keinen Zweifel daran, dass er Merle für einen Feind hielt. Die beiden stellten sich links und rechts der Tür auf. Weiter geschah nichts. Angespanntes Schweigen breitete sich aus. 

„Wenn ihr nur zum Glotzen gekommen seid, dann verzieht euch schleunigst wieder!“, herrschte Merle sie an.

Die Leibgardisten zeigten keine Regung. Nur der etwas jüngere zuckte kurz mit dem Mundwinkel. Merle fiel auf, dass die beiden außer einem Dolch am Gürtel keine Waffen trugen. Brauchten sie vermutlich auch nicht. Allein ihre Größe und Kraft machte sie zu furchteinflößenden Gegnern. Von Drain hatte Merle am eigenen Leib erfahren, wie gut die Leibgardisten des Roten Königs in allen Arten des Kampfes, ob mit oder ohne Waffen, ausgebildet waren. Doch all das hatte ihrem Lehrer nichts genützt. Der Rote König hatte ihn so mühelos getötet, als hätte er eine Fliege erschlagen. 

Merle fröstelte bei der Erinnerung, wie nahe sie dem höchsten Doniden im Palast von Port Rona gekommen war. Sie hatte ihm ins Gesicht gesehen. So menschlich. Und doch … kein Mensch konnte sich im Entferntesten mit ihm vergleichen. Nicht einmal ein Gabenträger. 

Die Erinnerungen an dieses Ereignis waren verschwommen. Die Gegenwart des Königs hatte alles andere aus ihrem Kopf gewischt. Sie wusste, dass Kenai verletzt worden war. Irith’ vergiftete Klinge hätte ihn beinahe getötet. Und nur dank Bel war es Merle gelungen, ihm das Leben zu retten. Außerdem erinnerte sie sich daran, dass sie mit ihrer Mutter gesprochen hatte. Zum ersten Mal hatte sie Bel gesagt, dass sie sie liebte. Und dann war Bel gestorben. Auch daran erinnerte Merle sich nur bruchstückhaft. Sie starrte auf die geöffnete Tür zwischen den Leibgardisten und ballte die Fäuste. Nicht mal ihre Erinnerungen hatte der König unangetastet gelassen.

Statt des Königs betrat jedoch eine ältere, in farbloses Leinen gekleidete Frau das Gemach. Sie war hochgewachsen, und ihre Haltung war, trotz des Alters, sehr aufrecht. Das graue Haar trug sie zu einem Knoten aufgesteckt, der schmale Mund verriet einen gewissen Stolz. Sie beäugte Merle von oben bis unten und ließ den Blick durch das verwüstete Zimmer schweifen. 

„Seid gegrüßt, Geberin“, sagte sie. „Ich bin Ortensia, Dienerin Seiner Majestät des Königs von Teria.“ Sie neigte den Kopf. 

Als Merle nichts darauf erwiderte, winkte sie hinter sich, und eine Schar weiterer Diener und Dienerinnen in ähnlich unauffälliger Kleidung flutete herein. Eine schleppte zwei Eimer dampfenden Wassers, ein weiterer einen Korb mit allerlei Fläschchen und Fiolen, eine dritte trug ein Tablett mit abgedeckten Tellern und Schüsseln, und die vierte, eine junge Frau mit glatten braunen Haaren und einem spitzen Mausgesicht, hielt einen großen Krug mit beiden Händen. 

Der Duft von gekochtem Fleisch und Gemüse stieg Merle in die Nase. Wasser sammelte sich in ihrem Mund. Nach drei Tagen Nahrungsverweigerung fiel es ihr plötzlich schwer, dem Diener nicht das Tablett aus den Händen zu reißen. Doch der müde Rest ihres verbliebenen Stolzes mahnte sie, nicht auch noch dieses letzte bisschen Würde fahren zu lassen. Mit Blicken folgte sie dem Tablett hin zu dem kleinen runden Tischchen inmitten einer Sitzgruppe aus fein verschnörkelten Stühlen. Der Diener stellte das Tablett darauf ab, und die Frau mit dem Mausgesicht wuchtete den schweren Krug daneben. Merles Magen stieß ein vernehmliches Gurgeln aus.

„Esst“, sagte Ortensia, verschränkte ihre Hände vor dem Bauch ineinander und lächelte dünn. „Ein Bad würde Euch auch gut stehen.“

Merle schwieg. 

Mit einer Handbewegung scheuchte Ortensia die anderen Bediensteten hinaus „Es ist Eure Entscheidung. Wisst jedoch, dass unser hochverehrter König Sauberkeit sehr schätzt.“

„Er bemüht sich ja nicht einmal hierher, Euer hochverehrter König“, erwiderte Merle bissig. „Wie soll er da sehen, ob ich ihm reinlich genug bin?“

Ortensia ließ sich nicht beirren. „Die Pläne des höchsten Doniden sind mir nicht bekannt. Ich würde Euch jedoch raten, jederzeit auf seinen Besuch vorbereitet zu sein.“

Merle verlor die Geduld. Diese Farce reizte sie. „Wann komme ich hier raus?“ Sie machte zwei Schritte auf Ortensia zu. Doch der ältere der Leibgardisten stellte sich ihr in den Weg. 

„Wenn der höchste Donide es gestattet“, antwortete Ortensia, als hätte Merle eine höfliche Frage gestellt. 

„Warum bin ich hier? Hat der König all die Mühen, mich zu fassen, auf sich genommen, um mich nun zu vergessen und hier in seinem Turm verrotten zu lassen?“

„Der höchste Donide vergisst nichts“, entgegnete Ortensia. „Ihr solltet darauf vertrauen, dass er sich Eurer Sache zur rechten Zeit annehmen wird.“

„Wie sollte ich dem Mörder meiner Mutter vertrauen?“, schleuderte Merle zurück. 

Die Dienerin senkte den Blick. „Uns alle hat Belannas Schicksal erschüttert.“

Das verschlug Merle die Sprache. Diese Frau wagte es, Betroffenheit zu mimen? „Was ist mit ihrer Asche geschehen? Habt ihr sie einfach auf dem Platz in Port Rona zertrampeln lassen?“

Ortensia musterte sie streng. „Ihr seid verbittert. Ihr solltet Euch ein paar Stunden ausruhen.“ Sie wandte sich zur Tür.

„Habt Ihr das auch meiner Mutter gesagt, bevor sie durch die Hand des Königs starb?“, fragte Merle. „Wenn ja, dann sehe ich nicht, dass Eure Weisheit ihr geholfen hätte.“

Ortensia blieb stehen. Einen Moment glaubte Merle, sie damit endlich erzürnt zu haben. 

Doch nach kurzem Schweigen erwiderte die alte Dienerin gelassen: „Die Asche Eurer Mutter ist nicht auf dem Platz zertrampelt worden.“

Das verunsicherte Merle. „Was ist dann mit ihr geschehen?“

„Sie wurde in allen Ehren beigesetzt, so wie es einer Donidin gebührt.“

Einer Donidin? Merle kämpfte um Haltung. Für die Dienerin mochte das als Ehre gelten. Für Merle jedoch kam es einer Beleidigung gleich. Unwillkürlich fragte sie sich, ob Bel ihre Überreste nicht lieber auf dem Platz zertrampelt gesehen hätte.

„Belanna ruht in der Grabstätte der Doniden. Im Fels des Burghügels“, fuhr Ortensia fort, während sie sich der Tür näherte.

„Hier?“, fragte Merle. „In Dalsburg?“ 

Die Dienerin nickte. „In den Katakomben.“

Merles Kehle verengte sich. „Darf … darf ich sie besuchen?“ 

Das Gesicht der Dienerin wurde streng. „Ich weiß nicht, ob der König gewillt ist, Euch ein solches Privileg zu gewähren. Uns ist zu Ohren gekommen, dass Ihr Euch unkooperativ verhaltet.“

Merles Blick wanderte zu dem älteren Leibgardisten. Er hatte also ihren Ausbruchsversuch gepetzt. Seine Augen glitzerten, doch sein Gesicht blieb ausdruckslos.

„Ich möchte zu ihr.“ Merle sah zu Boden. „Ich möchte die Grablege meiner Mutter sehen.“

Ortensia blieb in der Tür stehen und betrachtete sie abschätzend. „Nehmt ein Bad und kleidet Euch angemessen.“ Und im Hinausgehen fügte sie hinzu: „Ich werde Euer Anliegen vortragen. Bis dahin rate ich, dass Ihr Euch fügsam verhaltet.“

Kapitel 3

Merle machte keine Ausbruchsversuche mehr. Sie schrie nicht, schlug nicht gegen die Tür und verbiss sich Beleidigungen gegenüber Ortensia, den Dienern oder Leibgardisten. Stattdessen übte sie unermüdlich Drains Bewegungsabläufe. Ihr Körper wurde geschmeidiger, die Reflexe schneller und die Muskeln ausdauernder.

Dennoch dachte sie in den langen, einsamen Stunden darüber nach, wie ein Ausbruch gelingen könnte, und erinnerte sich daran, dass Ray und Greta zu Skip gekommen waren, als er hier im Kerker gefangen saß. Ray musste also einen Weg in die Zitadelle gefunden haben. Oder war ihm das damals nur gelungen, weil er mit Bergan gemeinsame Sache gemacht hatte?

Und was war mit Irith? Merle war davon überzeugt, dass sie in Wirklichkeit Bergans Spitzel war und Harri ständig falsche Informationen lieferte. Harri war es nie gelungen, einen weiteren Spion als sie in die engeren Kreise des Tempels oder der Zitadelle einzuschleusen. Der Grund war vermutlich Irith selbst, wie Merle nun klar wurde. Sie kannte ja immer Harris Pläne und konnte sie nach Belieben vereiteln. Da jedoch Harri nur durch Irith etwas über Merles oder Kenais Verbleib erfahren konnte, war er vermutlich völlig ahnungslos und hielt Irith noch immer für eine der Seinen. 

Und Skip? Irith hatte Skip in Port Rona aus dem Tempel gebracht, bevor sie Merle und Kenai an den Hohepriester ausgeliefert hatte. Das hoffte Merle zumindest. Sie weigerte sich, das Bild eines ermordeten Skip in ihren Gedanken zuzulassen. Skip lebte. Es musste so sein …

Ihre Gedanken wurden von Ortensias Ankunft unterbrochen. 

„Nehmt den Mantel dort und folgt mir“, sagte die alte Dienerin ohne Umschweife und wies zur Tür.

Merle ließ sich das kein zweites Mal sagen. Ihr Herz klopfte heftig, als sie zu Ortensia auf den Treppenabsatz trat. „Wohin bringt Ihr mich?“

„Setzt die Kapuze auf!“, befahl die Dienerin. „Falls Ihr Euch in irgendeiner Art und Weise ungebührlich verhaltet, wird dies das letzte Mal gewesen sein, dass Ihr den Turm verlasst. Verstanden?“

Merle nickte.

Hastig stiegen sie, eskortiert von den beiden Leibgardisten, die Wendeltreppe hinunter. Merles Sichtfeld war durch die Kapuze eingeschränkt. Doch sie achtete auf jede Tür, jeden Wachposten, jeden Hinweis darauf, was sich in den angrenzenden Räumlichkeiten verbergen mochte. 

Als sie an einer Tür vorübergingen, trat gerade ein Mann in der Tracht eines Bediensteten heraus. Hinter ihm erkannte Merle Regale voll mit Büchern. In der Mitte des Raumes hing ein gewaltiger Kerzenleuchter von der Decke. Der Diener, der eine Lampe und einen Spahn hielt, hatte ihn wohl gerade angezündet. Ortensia nickte ihm grüßend zu. Die Leibgardisten drängten Merle weiter. 

Mit schnellen Schritten durchquerten sie einen großen Saal mit langen, schmucklosen Tischen und Bänken. Auf dem Boden lagen Binsen, und an den Wänden hingen dunkle Wandteppiche, deren Motive so verblichen waren, dass Merle sie kaum noch erkennen konnte. Es roch nach Kohl, frischem Brot und Bier. Ein paar Frauen und Männer saßen an den Tischen und löffelten aus Schalen, während sie sich unterhielten. Sie alle trugen die schlichte Kleidung von Knechten, Köchen und Wachleuten. Doch sie verstummten und blickten Merle nach, als sie mit ihren Begleitern den Saal durchschritt.

Von dort gelangten sie in einen der vielen Innenhöfe der Zitadelle, in dessen Mitte ein runder Ziehbrunnen stand. An die umgebenden Mauern lehnte sich ein überdachter Säulengang. Diesem folgten sie bis zu einem spitzbogigen Portal, und von dort führte ein fensterloser Flur nach unten. In regelmäßigen Abständen standen steinerne Statuen in Wandnischen. Mit den Feuerzungen, Skeletten und Kreissymbolen, die sie umgaben, mussten es Abbilder von Doniden sein. Der Boden war mit glatten Steinplatten ausgelegt, deren Oberfläche, von unzähligen Schuhsohlen abgewetzt, im Fackellicht glänzte. 

Je länger sie gingen, desto kühler wurde es, und die Luft roch nach Rauch und feuchtem Stein. Der Gang verschmälerte sich, wurde niedriger und endete schließlich vor einer Pforte. Der jüngere Leibgardist zog eine Fackel aus dem Ständer neben der Tür und entzündete sie, während der andere die Pforte öffnete.

Der leicht muffige Geruch von Fels und Wachs schlug ihnen entgegen, zusammen mit Dunkelheit und Stille. Der Leibgardist mit der Fackel ging voran in eine niedrige unterirdische Halle, die wie ein Labyrinth von unregelmäßigen Steinsäulen und grob behauenen Felswänden zerteilt wurde. Alles hier schien aus dem anstehenden Gestein des Burghügels geschürft. Im flackernden Licht erkannte Merle unzählige Steinsockel, Nischen mit Urnen und Sarkophagen an den Wänden. Das wenige Licht reichte bei Weitem nicht aus, um die Größe dieses unterirdischen Hallensystems zu erfassen. 

„Hier entlang“, sagte Ortensia. 

Sie führte Merle in einen noch niedrigeren Abschnitt der Katakomben. Die Leibgardisten mussten schon die Köpfe einziehen, um sich nicht zu stoßen.

„Dort“, erklärte die alte Dienerin und zeigte mit knochigem Finger auf einen kleinen Steinsarkophag, der auf einem Sockel halb in einer Nische versunken stand. „Das ist Belannas Ruhestätte. Nur die fern verstorbenen Doniden werden brandbestattet … wegen des Transports. Der Sarkophag wurde schon vor vielen Jahren für sie angefertigt, so wie es Brauch ist.“ Ortensia schob die Fackel in eine Wandhalterung. „Ich nehme an, du möchtest ein wenig Zeit hier verbringen. Ich kann nicht bleiben, aber Darel und Eli werden dich rechtzeitig zurückgeleiten.“ Zum Abschied deutete sie eine Verbeugung an. Dann wandte sie sich in die Richtung, aus der sie gekommen waren. 

„Warte!“ Merles Stimme war ein wenig belegt.

Ortensia hielt inne. 

„Ich danke dir“, flüsterte Merle.

Die alte Dienerin nickte. Dann verschwand sie hinter einem der Sarkophage in der Dunkelheit.

Merle wandte sich wieder Bels Nische zu. Die beiden Leibgardisten, die Ortensia Darel und Eli genannt hatte, waren in einigem Abstand stehen geblieben. Nun wichen sie noch weiter zurück, in den Bereich, in dem sie aufrecht stehen konnten. Die einzelne Fackel warf Schatten in die Nischen und Winkel, als Merle die raue Oberfläche der Steinkiste betrachtete, in der die Asche ihrer Mutter liegen sollte. Im Vergleich zu den anderen war dieser Sarkophag winzig. Auf dem langen Deckel waren die zarten Umrisse eines menschlichen Körpers im Relief angedeutet, jedoch so vage, dass Merle ihre Mutter darin nicht wiedererkennen konnte. Es gelang ihr nicht, diese Steinkiste mit Bel zu verknüpfen. Außer einer unterschwelligen Anspannung empfand sie auch nichts. Ihr Kopf schien wie in Watte gepackt. 

Sie trat näher und legte eine Hand auf den Deckel. Der Stein war rau und kalt. Ob auch Merle eines Tages hier bestattet werden würde? Eines nicht allzu fernen Tages? Wenn es ihr nicht gelang, Bergan und dem Roten König zu entkommen, würde ihr Leben wohl hier in der Zitadelle enden, so wie auch Bels Leben unter dem Zepter der Doniden geendet hatte.

Sie strich über den Stein und erinnerte sich an die letzten Momente mit ihrer Mutter. Wie sie ihr geholfen hatte, Kenais Leben zu retten. Wie sie mit ihren schmalen, fast durchsichtigen Händen im Sprung nach Klette gegriffen und damit Merles Angriff auf den Roten König abgeblockt hatte. Warum nur hatte Bel nach dem Rotkehlchen gehascht?

Merle senkte den Kopf. Nun fühlte sie doch den quälenden Druck der Trauer auf dem Herzen. Sie konnte nicht glauben, dass Bel in dieser Steinkiste lag, tief im Berg unter der Feste der Doniden. Sie drückte beide Hände auf den Stein und vergewisserte sich kurz, dass die Leibgardisten nicht zu ihr hersahen. 

„Mutter?“, flüsterte sie dann und schloss die Augen. „Alles tut mir so schrecklich leid.“ Nach kurzem Schweigen sprach sie leise weiter: „Danke, dass du Kenai gerettet hast. Ich weiß zwar nicht, ob er viel davon hatte, aber … es wäre furchtbar gewesen, euch beide gleichzeitig zu verlieren … natürlich war es auch so furchtbar … Ach, du verstehst schon.“

Merle kam sich lächerlich vor, wie sie da in den Katakomben stand und mit dem Sarkophag ihrer Mutter sprach. Aber irgendwie war es auch tröstlich. So viele Tage waren vergangen, in denen sie mit niemandem ein Wort gewechselt hatte. Und all die schlimmen Ereignisse der letzten Wochen lasteten auf ihr. 

„Wenn Kenai bei dir ist, dann sag ihm, dass ich ihn liebe.“ Sie biss sich auf die Lippe und fügte hinzu: „Euch beide. Ich liebe euch beide.“ 

Mit dem Finger strich sie sacht an der Kante des Sarkophagdeckels entlang. Sie spürte eine Unebenheit. Dann noch eine. Als sie sich noch tiefer darüber beugte, konnte sie einen Schriftzug identifizieren, der als Relief in den Sarkophag gemeißelt worden war. 

Deniti leculam on hez Belanna Daraya velantim …“, las Merle stockend, wegen der seltsamen Buchstabenfolge. Vermutlich war es Alt-Varäisch. 

Skip hatte Alt-Varäisch gelernt und vor einigen Jahren versucht, es Merle beizubringen. Aber ihr hatte das Interesse daran gefehlt. Zu abstrakt war es ihr erschienen. Warum sollte sie Mühen auf das Erlernen einer Sprache verwenden, die niemand mehr benutzte, sondern die nur in alten Büchern, Dokumenten und eben auf Sarkophagen zu finden war? Jetzt bereute sie es. Hätte sie doch damals besser aufgepasst. Alles, was sie verstand, war die Erwähnung des Namens ihrer Mutter Belanna und Donatus, also irgendetwas über die Doniden. Sie nahm sich vor, Ortensia zu fragen. Vielleicht wusste die Dienerin ja, was hier geschrieben stand. 

Nun fielen Merle auch auf den anderen Sarkophagen solche Inschriften auf. Sicher lag auch der alte König Adoray Donatus hier, der Mörder von Skips Eltern und vermutlich der Nehmer, der die Gabe ihrer Mutter an sich gebunden hatte. Er musste der Letzte vor Bel gewesen sein, der hier bestattet worden war. Denn von anderen Doniden hatte Merle nie gehört. Und doch … eigentlich musste es sie ja gegeben haben. Wer war zum Beispiel Larren Adoray Donatus’ Mutter? Auch sie musste doch hier ruhen.

Skip hatte Merle erzählt, dass die Doniden einst ein mächtiges Herrschergeschlecht gewesen waren, das viele Nachkommen gehabt hatte. Begabte wie Unbegabte. Erstere hatten Chancen auf die Thronfolge und mächtige Ämter besessen. Die Unbegabten aber wurden aussortiert. Offiziell gehörten sie nicht mehr zum Geschlecht der Doniden. Aber viele von ihnen waren im Heer und in der Verwaltung des Königreichs tätig. 

Und heute? Heute gab es nur noch Larren, den Roten König, den mächtigsten, den einzigen übrig gebliebenen Doniden. Sein Vater Adoray, vielleicht sogar schon Adorays Vater, hatte irgendwann und aus Gründen, die Merle nicht kannte, damit begonnen, andere Begabte gefangen zu nehmen und zu töten.

Ein Räuspern riss Merle aus ihren Gedanken. Der ältere der beiden Leibgardisten blickte zu ihr herüber. „Wir sollten jetzt zurückgehen.“

Das klang wie ein Vorschlag.

„Werde ich noch einmal hierherkommen dürfen?“, fragte Merle. „Also … bevor ich selbst in so einer Kiste liege?“ 

Sie hatte es scherzhaft gemeint. Aber es hörte sich nicht sehr lustig an. 

Der Leibgardist lachte auch nicht. „Ich weiß es nicht“, sagte er.

Merle legte noch einmal zum Abschied ihre Hand auf Bels Steinsarg. „Wer von euch ist Darel und wer Eli?“

„Ich bin Darel“, sagte der ältere mit dem narbigen Gesicht. Dann deutete er auf den jüngeren. „Das ist Eli.“

Der nahm die Fackel aus der Halterung und ging ihnen voran zum Ausgang. Gute Nacht, Mutter!, sagte Merle in Gedanken. Sie versuchte sich den Weg durch die Katakomben einzuprägen. Doch als sie vor der Pforte stand und in die Dunkelheit zurückblickte, glaubte sie nicht, dass sie den Sarkophag je wiederfinden würde.


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