Leseprobe aus „Die Waldläuferin“, Band 1 der Wandelblut-Reihe

Kapitel 1: Der Fürst

Mitja, Gegenwart

Illustration von Mitja aus dem Roman Die Waldläuferin, Band 1 der Wandelblut-Saga, von JANIS NEBEL
Mitja

„Nummer 3782!“, erscholl die Stimme des Aufsehers scharf wie ein Peitschenhieb zwischen den nackten Felsen des Steinbruchs. Das helle Klopfen und Schlagen Hunderter Meißel, Hämmer und Steinpickel verstummte fast augenblicklich. Nur noch ein paar Steinbrocken polterten die steilen Wände hinunter und platschten in den trüben See, der sich weit unten aus dem aufsteigenden Grundwasser gebildet hatte.

„Nummer 3782!“, erklang es noch einmal.

Ungewohnte Stille trat im Steinbruch ein. Alle warteten. Der oberste Aufseher wurde schnell wütend, wenn man nicht sofort zu ihm eilte. Und es brachte ihn zur Weißglut, wenn die Sträflinge einfach weiterklopften und er deshalb gezwungen war, über den Lärm der Arbeiter hinwegzubrüllen.

Ilija, der damit beschäftigt gewesen war, einen Keil in die vorgemeißelte Sollbruchstelle zu schlagen, richtete sich auf. „Das bist doch du, Mitja?“, flüsterte er. „Drei sieben acht zwei?“ Ilijas Blick wanderte nervös hinunter zu Mitjas linker Hand.

Der zog sich den feuchten Lappen vom Gesicht, den er sich gegen den beißenden Staub vor Mund und Nase gebunden hatte.

Wieder schallte der Ruf. „Drei-sieben-acht-zwei! Beweg deinen müden Arsch gefälligst hier rauf! Und zwar sofort!“ Die Stimme des Aufsehers klang nun gereizt.

Mitja rieb den Staub aus seinen Augenwinkeln und wischte mit dem Lappen über seinen linken Handrücken. Die Zahlen 3782 waren dort in unordentlicher Schrift und schon etwas verblasstem Schwarz zu lesen. Natürlich kannte er die eintätowierte Nummer nach all der Zeit in- und auswendig. Aber warum wurde er zum Aufseher zitiert? Er hatte doch gar nichts ausgefressen. 

Angst packte ihn. Er musste sich beeilen, um den Aufseher nicht noch mehr zu verärgern. Den Schmerz in seinem linken Knie ignorierend, stand er auf. Dann schob er sich an den anderen Sträflingen vorbei über den schmalen Absatz der Felsterrasse bis zu einer Leiter, die hinauf auf den Hauptweg führte. Hunderte Augenpaare folgten ihm dabei. Mitja wusste, was sie dachten: Armer Hund! Ob wir den jemals lebend wiedersehen?

Er erreichte die breite Steinstufe des Hauptwegs, der sich in der gigantischen Höhle des Steinbruchs bis nach unten zum See schraubte. Als er über die Kante hinaufkletterte, sah er schon die fettig glänzenden Stiefel des Aufsehers dort stehen. Ungeduldig tippte dieser mit der Lederpeitsche gegen seinen Oberschenkel. Der hölzerne Griff war dunkel verfärbt, vollgesogen mit altem und frischem Blut. Auch Mitjas Blut musste darunter sein. Er hatte mit dieser Peitsche schon mehrfach nähere Bekanntschaft geschlossen.

Mit gesenktem Haupt trat er vor den Aufseher, der ihm gerade bis zum Kinn reichte, und hielt ihm, ohne dazu aufgefordert zu werden, die linke Hand hin, damit dieser die darauf eintätowierte Nummer lesen konnte. Mitja kannte den vorgeschriebenen Ablauf.

„Mitkommen!“, befahl der Aufseher, und Mitja hinkte in einigem Abstand hinter ihm her den Hauptweg hinauf, vor und hinter ihm jeweils zwei Unteraufseher.

Um ihn herum setzte das Schlagen und Klopfen, das Brechen und Poltern wieder ein. Die mitleidigen Blicke seiner Mitsträflinge folgten ihm, bis er oben über den Absatz des senkrechten Schachtes hinaus war. Dort gab es zwar weniger Staub, dafür aber sammelte sich der Rauch unzähliger Fackeln und Lampen, bevor er durch die unzureichenden Lüftungsschächte abziehen konnte.

Als sie aus dem Stollensystem hinaus in die Tundra traten, traf Mitja der eisige Wind so unvermittelt, dass er unter seinem schweiß- und staubverklebten Hemd zu zittern begann. Er folgte dem Aufseher bis in eines der Langhäuser, das den Sträflingen als Baracke diente. Beim Hineingehen erkannte er mehrere davor festgebundene Pferde mit prächtigem Lederzeug. Das Straflager schien hohen Besuch zu haben.

Mitja wurde noch enger in der Brust. Wenn der König oder einer seiner Fürsten-Vertreter hier war, bedeutete das meist nichts Gutes. Entweder er brachte neue Sträflinge – und das war für die alten wahrlich keine gute Nachricht, denn es bedeutete so lange gestreckte Rationen, bis die Schwächsten von ihnen weggestorben waren –, oder der Fürst war gekommen, um die geplanten Exekutionen zu bestätigen. Und da Mitja nirgends neue Sträflinge erblicken konnte, vermutete er Letzteres.

Doch warum er? Er hatte keinen Ärger mehr gemacht, die vielen Peitschenhiebe, von denen die Narben auf seinem Rücken zeugten, hatten ihn eines Besseren belehrt. Mitja war es nun zufrieden, wenn er des Abends auf seine Pritsche fallen konnte, den Magen zumindest halbwegs voll mit dem madigen Getreidebrei, den sie hier gewöhnlich vorgesetzt bekamen. Die am Anfang seiner Sträflingszeit gehegte Wunschvorstellung, einer seiner Freunde würde herbeieilen, um ihn aus dem Straflager herauszuholen, hatte er schon vor vielen Wintern aufgegeben.

Im Inneren der Baracke hatte man die Pritschen zur Seite geschoben und einen der langen Tische, an denen die Sträflinge sonst zu essen pflegten, quer gestellt. An dieser schartig-fleckigen Tafel saß nun ein einzelner Mann mit sorgfältig gestutztem Bart. Er trug ein prächtiges blaues Obergewand mit goldbesticktem Saum, dazu edle Lederstiefel, Armschutze und einen goldbeschlagenen Brustpanzer. An seinem Gürtel hing eines der berühmten Asren-Schwerter, die nur von den Fürst-Königen und ihren Kriegern geführt werden durften. 

Die Klinge funkelte blau im dämmrigen Licht der Baracke. Vor vielen Jahren hatte Mitja schon einmal eine solche Klinge gesehen. Aber das kam ihm jetzt vor wie die Szene aus einem anderen Leben. 

Der Mann, der am Tisch saß, hatte den Mantel aus Fellen grauer Wölfe neben sich über die Stuhllehne geworfen. Nun blickte er Mitja und den Aufsehern entgegen, einen dampfenden Weinpokal in der Hand und einen Teller vor sich, auf dem die halb abgezausten Knöchlein eines gebratenen Schneehuhns lagen.

Mitja konnte seine Augen kaum von dem Teller abwenden. Wie lange war es her, dass er zum letzten Mal Fleisch gekostet hatte? Echtes Fleisch! Nicht nur die aus Knochen gekochte Brühe, mit der der Sträflingsfraß an guten Tagen angereichert wurde. Das Wasser lief ihm im Munde zusammen, und der Geruch des Fleisches schien plötzlich alles andere zu überdecken.

Der Aufseher trat vor die Tafel und verneigte sich vor dem Sitzenden. „Sträfling 3782, mein Fürst!“ Er winkte Mitja heran, der mit gesenktem Kopf vortrat.

Der Fürst betrachtete ihn und blätterte dann in einem Folianten, den einer seiner Schreiberlinge vor ihm abgelegt hatte. Ein anderer stellte ein Tintenfass und eine Schreibfeder daneben.

„Sträfling 3782?“ Der Fürst hob fragend die Augenbrauen.

Mitja nickte und zeigte seinen tätowierten Handrücken.

Der Fürst sah auf das Geschriebene in dem Folianten und las laut: „Demetrius, Sohn von Raik und Anchelika aus dem Fürstentum Aheelia?“

Mitja blickte auf. Es war lange her, dass ihn jemand bei seinem Geburtsnamen genannt hatte: Demetrius. „Ja“, bestätigte er mit rauer Stimme.

Der Fürst oder König – Mitja wusste es nicht genau – ließ sich gegen die Stuhllehne zurücksinken und betrachtete ihn. „Wie alt bist du, Demetrius?“

Mitja war verwirrt. „Ich … ich weiß es nicht, mein Fürst.“

„Du weißt es nicht?“ Erstaunt zog der Fürst die Stirn in Falten. „Weißt du denn wenigstens, wie lange du schon hier im Straflager bist?“

Mitja räusperte sich. „Nein, mein Fürst. Ich habe aufgehört, die Winter zu zählen.“

Schweigen trat ein. Dann sagte der Fürst: „Ich will es dir also sagen, Demetrius. Es sind sieben Winter! Du bist seit sieben Wintern hier. Und da du sechzehn Winter alt warst, als man dich verurteilt hat, zählst du nun dreiundzwanzig Winter.“

Mitja blinzelte erstaunt. Sieben Winter? Nur? Er fühlte sich wie ein Greis. Als stünde er bereits mit einem Bein im Grabe.

„Warum bist du im Straflager, Demetrius?“

Mitja wagte es, dem Fürsten kurz in die Augen zu blicken. Er wirkte wohlgesonnen, beinahe amüsiert.

Mitja hustete zweimal, um seine Kehle vom Staub des Steinbruchs zu befreien. „Ich wurde … ich wurde für den Mord an einem freien Mann verurteilt.“ Er befeuchtete seine von der Kälte aufgesprungenen Lippen. „Und … und für den Mord an einer freien Frau.“

„Verurteilt wozu?“, fragte der Fürst.

„Zum Tode“, antwortete Mitja.

„Und doch lebst du noch. Wie kommt das?“

„Ich weiß nicht, mein Fürst.“

Der Fürst schnaubte belustigt. „Ich will dir auch das sagen. Der Herrscher deines Fürstentums hat damals ein gutes Wort für dich eingelegt und erbeten, dass du, anstatt enthauptet zu werden, den Rest deines Lebens im Straflager verbringen und deine Kräfte damit dem König in Demut zur Verfügung stellen sollst.“ Er blätterte ein paar Seiten zurück und ließ seinen Blick über die Tabellen in seinem Folianten wandern. „Es ist hier außerdem vermerkt, dass du vor fünf Wintern einen recht ansehnlichen Brocken Asren zutage gefördert hast. Ist das wahr?“

Mitja entsann sich kaum noch des fingernagelgroßen, blau schimmernden Steins, den er damals in der Hand gehalten hatte. Aber er nickte.

Der Fürst betrachtete ihn forschend. „Kennst du unser Gesetz, Demetrius? Die Sträflinge in Asren-Minen betreffend?“

„Nein, mein Fürst.“

Der Fürst seufzte. „Nicht viele überleben sieben Jahre in den Steinbrüchen“, sagte er. „Um genau zu sein, hatten wir den letzten …“ Er blätterte ein paar Seiten zurück. „… vor dreizehn Wintern. Es gibt eine Klausel in unserem Gesetzbuch, die besagt, dass das Straflager einem Todesurteil gleichkommt. Wer jedoch nach sieben Jahren in den Asren-Steinbrüchen noch lebt, der hat eine zweite Chance verdient. Denn er hat dann jedem Fürstentum eines seiner Lebensjahre geopfert.“

Mitja blickte auf.

Der Fürst lächelte jetzt. „Demetrius“, sagte er. „Die Götter haben dir eine zweite Chance geschenkt. Du bist frei.“

„Was?“ Mitja konnte nicht fassen, was er da hörte.

„Du bist frei“, wiederholte der Fürst. „Du kannst gehen, wohin du willst. Aber bedenke: Eine dritte Chance wird es nicht geben. Solltest du mir, einem anderen Fürsten oder dem König noch einmal als ein Schuldiger unter die Augen treten, wirst du deinen Kopf verlieren. Hast du das verstanden?“

Mitja nickte, obgleich er nichts begriffen hatte.

Der Fürst langte nach der Schreibfeder, tauchte sie in das Tintenfass und machte einen Vermerk in den Folianten. „Es scheint da jemanden zu geben, der dich nach all der Zeit noch immer nicht vergessen hat“, sagte er, während er schrieb. „Jemanden, der mich jedes Jahr erneut auf diese Siebenjahresklausel hingewiesen und eine Prüfung der betreffenden Fälle eingefordert hat.“ Einer der Gehilfen reichte dem Fürsten eine Schriftrolle, auf der bereits etwas aufgesetzt stand. Der Fürst machte sein Zeichen darunter, tropfte blaues Wachs daneben und drückte seinen blau funkelnden Siegelring darauf.

„Mit Erfolg“, sagte er und lächelte. „Dein Freibrief. Mögen die Götter mit dir sein, Demetrius.“

Damit erhob er sich, griff nach seinem Mantel aus Wolfsfell und warf ihn sich über die Schultern. Seine Schreiberlinge packten eilig Tintenfass, Feder und Folianten zusammen. Auf dem Tisch verblieben lediglich die gesiegelte Schriftrolle, ein leerer Weinbecher und der Teller mit den abgezausten Knochen.

„Barabas“, sagte der König im Hinausgehen zum Aufseher. „Sorge dafür, dass Demetrius eine Reiseausrüstung bekommt, damit er ziehen kann, wohin er will.“

Der Aufseher verneigte sich, und die Asrenfibel, die ihn als Krieger der sieben Fürstentümer auswies, funkelte dabei an seinem Gewand. „Ja, Fürst.“

Die Gesellschaft verließ die Baracken. Man hörte ihre Stimmen, das nervöse Scharren und Schnauben der Pferde und schließlich den sich entfernenden Hufschlag.

Mitja stand noch immer am selben Fleck, ungläubig auf die Schriftrolle blickend, seinen Freibrief. Er trat an den Tisch und wollte das Pergament in die Hand nehmen, entsann sich dann jedoch der Fleischreste auf dem Teller. Hastig griff er zuerst nach den fettigen Knochen und stopfte sie in seine Hosentaschen. Dann leckte er sich verstohlen die Finger und nahm schließlich die Schriftrolle in die Hand, als handelte es sich um etwas sehr Zerbrechliches.

Ein Unteraufseher kam herein und ließ ein Bündel vor Mitjas Füße fallen. „Deine Ausrüstung“, sagte er barsch. „Jetzt mach, dass du verschwindest.“

„Jetzt?“, fragte Mitja und bückte sich nach dem kleinen Bündel. Es war sehr leicht. „Aber … wo soll ich denn hin?“

„Nicht mein Problem“, sagte der Unteraufseher, packte ihn am Oberarm und schubste ihn aus der Baracke. „Du hast hier im Lager nichts mehr verloren. Barabas hat befohlen, dass wir die Hunde auf dich hetzen sollen, wenn du bis zur Nacht nicht verschwunden bist.“

„Es ist Winter!“, beschwerte sich Mitja. „Wir sind hier mitten im Nirgendwo! Ich erfriere, wenn ich die Nacht dort draußen verbringen muss.“

„Habe ich mich nicht klar ausgedrückt? Das ist nicht nicht mein Problem. Wenn dir an deinem Leben liegt, dann rate ich dir, die Beine in die Hand zu nehmen. In drei Stunden geht die Sonne unter.“ Seine Augen waren mitleidlos. Mitja wusste, dass die Sträflinge für die Aufseher nichts anderes als Sklaven waren. Selbst ihre Pferde und Hunde behandelten sie besser. Der gesiegelte Freibrief würde ihm hier nichts nützen.

Mitja schulterte also das Bündel und schob die Schriftrolle unter sein verschwitztes Hemd. Dann wandte er dem Lager den Rücken zu und hinkte in die eisige Tundra hinaus.