Geister in der Wüste – eine Feistar Bergan Novelle von Janis Nebel

Ein paar Hinweise vorweg:

Geister in der Wüste ist ein PREQUEL der Merles Fluch-Trilogie.

Du solltest das Prequel erst lesen, wenn du die Merles Fluch-Trilogie beendet hast! Der Grund: Geister in der Wüste erzählt Hintergründe zum Bösewicht in Merles Geschichte. Wenn du das Prequel zuerst liest, werden dir einige spannende Enthüllungen und Story-Twists aus der Trilogie gespoilert, die du eigentlich erst nach und nach mit Merle zusammen aufdecken sollst.

Die Novelle ist weder professionell lektoriert noch korrigiert! Sieh also bitte über evtl. Schwächen hinweg. Lehn dich zurück und genieße einfach die Story! 😉

Geister in der Wüste steht dir zwar frei zum Lesen zur Verfügung, der Text unterliegt aber trotzdem dem Urheberrecht! Du darfst die Geschichte also nicht vervielfältigen, weitergeben, verkaufen oder auf andere Weise öffentlich zugänglich machen.

Du hast 2 Möglichkeiten die Novelle zu lesen:

Ohne Download direkt hier auf der Seite lesen. (siehe👇)

Und jetzt wünsche ich dir viel Spaß bei Feistars Geschichte! ♥️


GEISTER IN DER WÜSTE

Eine Feistar Bergan-Novelle von Janis Nebel

Die Stimme der alten Suheyla war so knarzig wie die verkrüppelten Büsche zwischen den Sanddünen und dennoch hatte ihre Sprechweise etwas Magisches. Etwas, das bewirkte, dass man nicht weghören konnte und die Augen dazu brachte Dinge zu sehen, die gar nicht da waren. 

„Die Würfel haben entschieden!“, verkündete sie, und ihr Blick wanderte von den Zeichen auf den beiden Knochenwürfeln zu den versammelten Zuhörerinnen. „Toraf und Negev. Anfang und Ende. Heute Abend sollt ihr die Geschichte von einem Anfang und einem Ende hören. Ich werde euch von der Oase Sirim erzählen, und dem Fluch, der auf ihr liegt.“ Das zuckende Licht der Flammen warf Schatten auf ihr runzliges Gesicht und spiegelte sich in den schwarzen Augen. 

Feistar rann ein wohliger Schauder den Rücken hinunter. Er kannte die Geschichte, hätte sie Wort um Wort nacherzählen können. Er sah sich selbst dort sitzen, und dem versammelte Stamm die Sage erzählen, die Blicke aller ehrfürchtig an seinen Lippen hängend. 

„Vor vielen Jahrhunderten nahm dort ein Ereignis seinen Lauf, das sich in den Sand der Wüste und die Mauern dieses Ortes eingeprägt hat“, sprach Suheyla. „Denn Steine und Felsen vergessen nie. Ein Mann, der von weit her gekommen war, hat aus Rache, Zorn und gebrochenem Herzen eine Kraft geschaffen, die Verdammnis über ganz Teria brachte. Aber lasst mich von vorne beginnen.“ Sie schloss die Augen und atmete tief ein.

Feistar schlich näher heran. Er wollte die Gesichter der Zuhörerinnen sehen, wie die Kinder Suheyla mit offenem Mund anstarrten und die jüngeren Frauen sich vorbeugten, während die älteren sich zurücklehnten. Und natürlich wollte er Emani betrachten, die als Schülerin der Geschichtenhüterin zur Rechten Suheylas saß.

Ohne den Blick ihrem Gesicht zu wenden, schob sich Feistar noch einen Schritt vor. Aber seine Sandale traf nicht auf Sand, sondern auf etwas Weiches, warmes. Ein Hund jaulte auf. Mit Rumpeln und Geklirr der blechernen Schüsseln, die das Tier gerade ausgeleckt hatte, geriet Feistar aus dem Gleichgewicht. Der Hund stob davon und Feistars Sandale verhedderte sich in einer Spannleine für die Zelte. Die Arme verhakten sich in seinem weiten Überwurf und er landete, denkbar ungünstig, mit dem Gesicht voran im Sand, mitten im Lichtkegel des Feuers zwischen Suheylas Zuhörerinnen.

Einen Moment war es still. Dann brachen alle in schallendes Gelächter aus. Selbst Feistars Mutter und seine jüngere Schwester Yissip.

„Was machst du schon wieder dort bei den Frauen, Feistar?“, rief Sekai vom Feuer der Männer herüber. Seine Stimme troff vor Spott. „Versuchst wohl wieder Emani unters Gewand zu schauen?“

Feistar rappelte sich auf. Aus den Augenwinkeln sah er, wie Emani kicherte und sich den Schleier vors Gesicht zog. Unter Zoten und Lachern klopfte Feistar sich den Sand aus dem Gewand, hob das Kinn und zog sich mit heißen Wangen und geballten Fäusten in die Dunkelheit zwischen den Zelten zurück. Verdammt, was musste dieser Hund ihm auch zwischen die Beine rennen! Warum passierten ihm immer solches Ungeschick?

Aus Gewohnheit ging er auf das Zelt seiner Mutter zu. Der Riemen seiner linken Sandale schlug ihm dabei auf die Wade. Gerissen. Na wunderbar! Er fluchte und wollte die Zeltplane zurückschlagen. Aber da erinnerte er sich, dass er ja gar nicht mehr hier wohnte. Sein Schlafplatz war jetzt im Junggesellen-Zeit. Seit seiner Initiation vor einigen Wochen war er dort zu wohnen gezwungen. Es lag am anderen Ende des Lagers und war ihm keine Zuflucht, denn die anderen würden ihn dort die halbe Nacht aufziehen. Es wäre nicht das erste Mal gewesen.

Der Abend war noch jung. Bis die allnächtlichen Sandstürme der Tata anhoben, hatte er noch etwas Zeit. Deshalb stapfte Feistar weiter bis zum Ende des Zeltlagers, wo sich die Palmen der Oase Osmat um die kleine Quelle drängten. Das Rinnsal erweiterte sich in der Mitte des Hains zu einem Teich und eine Felsformation aus orange-rotem Sandstein schützte das Becken vor dem Versanden. Die Felsen grenzten die Oase Osamat zugleich von der sehr viel größeren Oase Sirim ab, die sich dahinter, auf der Nordseite, erstreckte. Mit dem ausladenden See, der nie austrocknete, und den Schatten spendenden Bäumen war sie eine Verlockung für jeden Wüstenbewohner. Ein wahres Paradies. Aber die Oase Sirim war ein verfluchter Ort. Wer immer es wagte, sie zu betreten, von ihren Wassern zu trinken und sich an ihren Früchten zu laben, der riskierte für immer dortzubleiben. Nur die Geier, die dann am nächsten Tag darüber kreisten, verrieten, was mit dem Tollkühnen geschehen war. Die Geister der Vergangenheit, die in Sirim umgingen, waren unberechenbar. Im Laufe der Jahrhunderte hatten sie vielen das Leben gekostet. Und jene, die überlebt hatten, erzählten von Stimmen im Wind, von Geisterlichtern und Schattengestalten. Nur selten wagten sich ein paar junge Tölpel hinein. Und wenn sie wiederkamen, hatten sie weiße Gesichter und zittrige Hände. Und oft fehlte einer.

Feistar kletterte die Felsen empor bis zum höchsten Punkt, von wo aus er beide Oasen überblicken konnte. Osmat im Süden und Sirim im Norden. Atemlos ließ er sich auf dem hohen Plateau zu Boden sinken. Die Wüste Tata breitete sich zu allen Seiten in mondbeschienen Dünen aus. Der Sternenhimmel spannte sich wie ein riesiger Schleier über ihm auf. Eigentlich sollte er diesen Anblick schön finden, so wie die Dichter und Sänger. Aber wann immer Feistar die Wüste betrachtete, sah er vor allem eins: ein Gefängnis. Ein sehr großes zwar, ohne Gitter und ohne Wachen, aber dennoch ein Gefängnis, das ihn dazu verurteilte, die Rolle eines Stammeskriegers zu spielen. Eine Rolle, die eindeutig nicht seine war.

Er dachte wieder an Emani. Sie gehörte einem der befreundeten Nachbarstämme an und seit sie vor zwei Monaten in Suheylas Zelt gezogen war, um von ihr das Geschichtenhüten zu lernen, raubte sie Feistar den Verstand. Diese dunklen Mandelaugen, die wohlgeformten Hüften, das schüchterne Lächeln, das sie immer halb hinter ihrem Schleier verbarg. Und erst das wallende schwarze Haar, das sie zu einem dicken Zopf gedreht trug. Sie löste es nur wenn sie es im Teich von Osmat wusch. Aber eigentlich hätte Feistar das gar nicht wissen dürfen – geschweige denn sehen. Denn Emani würde eine Geschichtenhüterin werden. Und als solche durfte sie weder Mann noch Kinder haben. Sie würde ihr Leben in den Dienst der Erinnerungen ihres Volkes stellen. So wollte es die Tradition.

Aber Feistar war nicht der Einzige, der auf Emani aufmerksam geworden war. Zwischen den jungen Männern seines Stammes war ein wahrer Wettbewerb um ihre Gunst entbrannt. Gegen die Kraftprotzigkeit und blendend weißen Zähne seiner zahlreichen Cousins hatte Feistar keine Chance. Emani sah ihn nicht einmal an, wenn die anderen zugegen waren. Denn Feistar war ein magerer, hoch aufgeschossener fünfzehnjähriger, mit viel zu dichten Brauen, einem unangenehm stechenden Blick und einer riesigen Hakennase. Seine Schultern waren schmal, sein Brustkorb glich eher dem eines Huhns als dem eines jungen Mannes. Und zu allem Überfluss stellte er sich bei allen Aktivitäten, die in seinem Volk als männlich galten, äußerst ungeschickt an.

Aber er liebte Suheylas Geschichten. Schon als Kind hatte Feistar ihrer Stimme gelauscht – damals konnte er das noch ohne sich den Spott der anderen anhören zu müssen. Heute, wo er die Zeremonie der Mannwerdung hinter sich hatte, war er gezwungen, sich von den Feuern der Männer wegzuschleichen, um den Sagen und Legenden zuzuhören. Wenn sein Vater, seine Onkel und Cousins zusammensaßen, ging es nur um die nächsten Raubzüge, die Vorräte, Waffen und wer von den Jüngeren das beste Potenzial zum Stammesführer und Krieger besaß. Feistars Name fiel dabei nie; der seines Cousins Sekai umso öfter.

Und heute Morgen, heute Morgen hatte Emani Sekai zugelächelt, als dieser sich im Ringen übte. Feistar hatte es genau gesehen, weil auch er dazu verurteilt war, an diesen unseligen Trainingseinheiten teilzunehmen. Ihn hatte Emani gar nicht bemerkt, obwohl er sich wirklich alle Mühe gegeben hatte.

Er warf einen Stein in die Oase Sirim hinunter. Sekai war ein Weiberheld. Der Gedanke, dass er Emani genau wie all die anderen Mädchen um den Finger wickelte, stieß Feistar übel auf. Denn Emani war etwas Besonderes. Wenn sie sich auf ihn einließ, würde sie keine Geschichtenhüterin mehr werden können. Es war schon vorgekommen, dass angehende Geschichtenhüterinnen sich verliebten. Und dann in Schmach und Schande verstoßen wurden, zumindest wenn der Verführer sich nicht zu ihnen bekannte.

Mit Emani durfte das nicht geschehen. Feistar musste ihr verständlich machen, dass Sekai sie nur ausnutzen wollte und dass das Geschichtenhüten so viel wichtiger war, als eine Liebesnacht mit seinem Cousin. Wenn sie das erst erkannte, wenn sie bemerkte, wie sehr auch Feistar die Geschichten liebte und wie viel sie sich gegenseitig zu erzählen hätten, dann würde sie ihm gewiss mehr Aufmerksamkeit schenken. Für sie beide gäbe es eine Zukunft. Auch dann, wenn Emani den Weg des Geschichtenhütens bis zum Ende ginge. Aber wie sollte Feistar ihr das klar machen, wenn er jedes Mal über seine eigene Zunge stolperte, sobald er in ihrer Gegenwart den Mund aufmachte.

Er schleuderte einen weiteren Kiesel den Abhang hinunter, hörte, wie er in den Teich tief unten platschte und die Frösche verstummen ließ. Wellen aus Sternenlicht breiteten sich auf der Wasseroberfläche aus. Die Stille der Wüste unterbrach jetzt nur noch das leise Zirpen der Insekten und, ferner, das Raunen der Stimmen aus dem Lager. Wenn Feistar vorhin nicht über den Hund gestolpert wäre, würde er jetzt gerade hören, wie Suheyla von Pankaj berichtete – dem ersten Gabenträger, der sich aus Trauer und Zorn einen Splitter des Kristalls der Weisheit ins Herz gerammt hatte. Feistar wusste genau, wie er diese Geschichte vortragen und auf welche Worte er die Betonung legen würde, damit seine Zuhörer die Botschaft auch verstanden. Das war wichtig. Denn wider Erwarten war Pankaj nicht gestorben, sondern hatte eine neue Form von Leben erlangt. Eine Form, die Feistar gleichermaßen verabscheute und faszinierte, denn Pankaj war der erste Gabenträger gewesen. Und diese Gabe – die Gabe der Doniden – beherrschte Teria nun seit hunderten von Jahren. 

Ihretwegen waren die Stämme in die Wüste verbannt worden. Und ihretwegen warteten sie seit Jahrhunderten auf den Einen, der kommen würde, um sie alle vom Gabenfluch zu befreien. Den Einen, der die Stämme aus der Wüste führen würde. Und die Geschichtenhüterinnen waren diejenigen, die ihn erkennen würden, hieß es. 

Feistar hätte alles dafür gegeben, einer dieser Geschichtenhüter zu sein. Dann würde er den Befreier finden und Emani würde ihn hochachten. Sie würde ihn als das erkennen, was er wirklich war. Und Sekai und die anderen Männer würden es nicht mehr wagen, ihn zu verspotten.

Die Stämme glaubten, der Befreier würde ein Krieger sein, der sie vereinigen und gegen die Armeen der Doniden anführen würde. Ein Held eben. Einer, zu dem alle aufsahen. Das war es, warum die jungen Männer der Stämme dem Kriegshandwerk frönten und jeden Überfall auf Karawanen als Möglichkeit begriffen, ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Jeder träumte davon, dieser Befreier zu sein. Der Held der Wüstenstämme. Und im Laufe der Jahrhunderte hatten es nicht wenige versucht. Aber alle waren sie gescheitert. Die Doniden hatten zu viele und besser ausgerüstete Soldaten. Ganz zu schweigen vom Roten König selbst. Unbesiegbar sollte er sein. Machthungrig und grausam. Niemand, der sich ihm offen entgegenstellte, hatte bisher überlebt. Aber auch über den König gab es Geschichten, die seine Schwächen offenlegten. Und Feistar kannte sie alle.

Ein Geräusch riss ihn aus den Gedanken. Knisternde Schritte im Gras und leise Stimmen. Ein Mann und eine Frau. Feistar sah die Schemen ihrer hellen Umhänge durch den Palmenhain unten streifen. Hand in Hand gingen sie und die Frau kicherte dabei. Feistar runzelte die Brauen und rückte von der Felskante zurück, damit sie seinen Schemen im Mondlicht nicht sahen. Junge Liebende nutzen den Teich von Osmat häufig für nächtliche Bäder. Denn am Tag war der Zugang zum Teich in der ersten Tageshälfte nur den Frauen gestattet, und in der zweiten nur den Männern.

Feistar wandte sich ab. Er hatte keine Lust, einem seiner Cousins beim Liebesspiel zuzusehen. Stattdessen rutschte er hinüber auf die andere Seite des kleinen Plateaus, von wo aus er auf die Oase Sirim hinabblicken konnte. Auch dort schimmerte das Mondlicht auf dem sehr viel größeren See. Und am Ufer auf der anderen Seite warfen kahle Mauerreste ihre Schatten. Ein kühles Licht schien von ihnen auszugehen, als wären die Sterne vom Himmel gefallen und ihr Staub hätte sich über die Ruinen und den Sand gelegt. Nicht ein Baum wuchs zwischen den Mauern, kein einziger Busch. Das war nicht verwunderlich, denn sie lagen schon zu weit von den schützenden Felsen entfernt. Und nur die hätten Windschatten gegen die nächtlichen Sandstürme geboten, denen kaum eine Pflanze standhalten konnte.

Ein Kratzen über Stein und ein unterdrückter Schrei ließen Feistar zusammenzucken.

„Vorsicht!“, warnte eine männliche Stimme. Sie war schon ganz nah. Gleich würde der Sprecher den steilen Pfad um die Felsnase herumkommen und Feistar dort auf dem Plateau sitzen sehen.

Konnte man nicht einmal hier, am höchsten Punkt der Wüste in Ruhe sitzen?, dachte Feister ärgerlich. 

 Er hatte keine Lust, sich einen weiteren spöttischen Spruch einzufangen. Aber es gab nur diesen einen Weg hinunter, die sie heraufkamen. Diesen oder den Abstieg zur Oase Sirim, den nur die Verzweifelten und Lebensmüden nahmen. Ein schmaler Absatz bildete den Anfang der grob in den Fels geschlagenen Stufen.

„Gib mir die Hand“, sagte der Mann jetzt. „Ich ziehe dich rauf. Wir sind gleich oben.“ Es war Feistars Cousin Sekai. Sandalensohlen knirschten dabei auf Fels.

Feistar fluchte in Gedanken und hangelte sich auf den Absatz der ersten Stufe hinunter. Sein linkes Knie schlug gegen den Stein und der Ellenbogen schrammte beim Herablassen an der Kante entlang. Aber dort würden die zwei ihn hoffentlich nicht bemerken.

„Ist das schön!“, rief die Frau entzückt, als sie oben auf das Felsplateau traten.

Und Feistar wurde eiskalt, denn diese samtige Stimme… das war Emani! Sekai und Emani, des nachts allein auf dem Felsplateau. Er wollte mit den Füßen aufstampfen und die Fingernägel in den Fels graben. Stattdessen presste er die Stirn gegen Stein. Das durfte doch nicht wahr sein!

„Bist du jetzt zufrieden?“, fragte Sekai. Er blickte nach oben zu den Sternen.

Emani trat neben ihn. Der Mond schimmerte auf dem goldenen Ring in ihrem rechten Nasenflügel und dem Kettchen, das ihn mit dem Ohrring verband. Feistar konnte den Blick nicht von ihr wenden.

Sekai legte einen Arm um ihre Hüften.

„Lass das!“ Emani kicherte und schob ihn weg. Dann rief sie: „Schau mal, dort!“ Ihr ausgestreckter Arm zeigte auf die Oase Sirim.

Sekai drehte ihren Kopf wieder in seine Richtung und wollte sie küssen.

Aber Emani fragte: „Das ist sie doch, oder? Die Oase Sirim?“ Ihre Augen leuchteten.

„Ja.“ Sekais Stimme war anzuhören, dass ihn der Anblick wenig begeisterte. „Aber die ist morgen auch noch da. Es bleibt nicht viel Zeit, bevor der Wind kommt. Und es war nicht leicht, dich aus dem Zelt der Alten zu schmuggeln, ohne dass jemand es bemerkt. Also, was ist nun mit meiner Belohnung?“ Wieder zog er sie an sich.

Aber Emani wand sich aus seiner Umarmung. „Sieh doch, wie es leuchtet! Genau wie die Geschichten erzählen!“

Sekai ließ sie mit einem Seufzen los und blickte ebenfalls auf die Ruinen hinunter. Sein Gesicht wirkte blass im Mondlicht „Sag bloß, du hast sie vorher noch nie gesehen?“

„Nein. Mein Stamm hat sein Lager nie so nahe bei Sirim aufgeschlagen.“

„Eine kluge Entscheidung. Mein Stamm rastet hier mindesten zweimal im Jahr.“

Emani trat so nah an die Felskante, dass Staub und Kiesel auf Feistar herabrieselten. „Man sagt, das Licht lockt nachts unwissende Reisende an. Sie schlagen ihr Lager zwischen den Mauern auf. Und obwohl sie die Nacht dort nicht überleben, hört man ihre Stimmen weiterhin im Wind.“ Sie wandte sich Sekai zu. „Bist du jemals dort unten gewesen?“

Sekais Miene verfinsterte sich. „Ja“, gab er zu.

Auf Emanis Lippen breitete sich ein Lächeln aus. Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber als sie Sekais Miene las, verschwand das Lächeln wieder. „Was ist los? Warum schaust du so?“

„Ich mag diesen eben Ort nicht.“

„Niemand mag ihn.“ Sie zuckt mit den Schultern. „Er ist verflucht. Aber fasziniert es dich nicht, dass die Wahrheit unserer Legenden hier so deutlich zu Tage tritt? Was hast du gesehen, als du dort unten warst?“

„Du verstehst nicht, Emani. Es sind nicht die Geschichten, die mir Angst machen. Ich mag den Ort nicht, weil… mein Bruder…. er ist dort gestorben. Was ihm passiert ist, wünscht man nicht mal seinen schlimmsten Feinden.“

Emani stand still, dann ergriff sie seine Hand. „Das ist ja schrecklich! Kannte er denn die Überlieferungen nicht?“

„Doch, natürlich. Jeder kennt sie. Aber Ezrun und ich waren jung und dumm. Wer es nach Einbruch der Dunkelheit am längsten in der Sirim aushält, der soll der prophezeite Befreier der Stämme werden, haben wir gewettet.“ Sekai lachte unglücklich. „Der Befreier der Stämme! Was für eine dämliche Mutprobe.“

„Wie kamt ihr denn auf sowas?“, fragte Emani.

„Na, wegen der Würfel. Sie zeigten damals Toraf und Negev.“

„Anfang und Ende“, übersetzte sie. „So wie heute also.“ Ihr Blick glitt über die Oase hinweg und das Schimmern der Mauerreste spiegelte sich in ihren Augen.

Feistar erinnerte sich gut an Ezruns Tod. Seither hatte sich niemand aus seinem Stamm mehr in die Sirim gewagt. Selbst wenn der See in der Osmat auszutrocknen drohte, nahmen sie lieber weite Strecken bis zum nächsten Brunnen oder Wasserloch auf sich, als in die Sirim hinunterzusteigen und dort Wasser zu schöpfen.

Feistar hatte nicht gewusst, dass Suheylas Auslegung der Würfel seine beiden Cousins damals dazu getrieben hatte, die Nacht in der Sirim zu verbringen. Toraf und Negev. Anfang und Ende. Immer wenn diese Zeichen fielen, erzählte Suheyla die Geschichte von Pankaj und dem Kristall, die sich genau dort unten zugetragen haben soll. Der Anfang des Fluchs von Teria. Und der Anfang der Gabe. Aber wo war das Ende, das die Würfel prophezeiten? Der Gedanke lag nahe, dass auch das Ende der Gabe dort unten zu finden sein musste. Aber wenn es so war, dann hatte niemand es bisher entdeckt.

Sekai erzählte weiter: „Es war Ez‘ Idee gewesen. Er sagte, nur ein Krieger, der eine Nacht in der Sirim überlebt, könnte der Befreier der Stämme sein. Und ich Idiot habe ihm geglaubt.“

Sekai setzte sich, zog die langen Beine an und stützte die Ellenbogen auf die Knie. 

Emani ließ sich neben ihm im Schneidersitz nieder. „Und was ist dann passiert?“

Sekai zögerte, ehe er weitererzählte: „Wir sind runtergeklettert und sind durch den Palmenhain zum See gegangen. Und dort am Ufer entlang bis zu den Ruinen.“ Er verstummte. Dann fügte er mit belegter Stimme hinzu: „Wir waren bewaffnet, als würden wir in den Krieg ziehen. Wir waren vorbereitet. Aber das alles hat uns nichts genützt. Was da unten haust, Emani, das kann man nicht mit Waffen besiegen.“

Emani schlang fröstelnd die Arme um sich. „Und dann?“

„Willst du das wirklich hören?“

Sie nickte.

„Na gut“ Sekai schlang die Arme enger um seine Knie. „Der Sandsturm kam, wie jede Nacht. Und mitten im Sturm habe ich Lichter zwischen den Mauern gesehen. Wie Geister, sage ich dir. Und sie haben geschrien Ihre Stimmen kamen und gingen mit dem Wind. In meinem ganzen Leben habe ich mich noch nie so sehr gefürchtet, wie in dieser Nacht.“

Nur das Zirpen der Insekten und das Quaken der Frösche drangen von beiden Oasen zu ihnen herauf. Eine Brise strich Feistar durchs Haar. Nicht mehr lange und der Sandsturm würde sich erheben und die Wüste für die Nacht verschlucken.

Emani betrachtete Sekai von der Seite, den Kopf schief gelegt. „Aber… erlaube mir eine Frage, Sekai. Du sagst, ihr beide seid da runter geklettert. Aber die Felsen hier sind glatt und steil. Wie habt ihr das denn angestellt? Mit einem Seil?“

„Es gibt einen Pfad, mit Stufen“, antwortete Sekai. „Er ist rutschig. Aber man kann ihn klettern.“

„Wo ist er denn?“, fragte Emani. 

Sekai rutsche vor bis zur Kante des Plateaus. „Na, genau da.“ Er zeigte auf den Absatz hinunter, genau dorthin, wo gerade Feistar stand.

Emani stieß bei seinem Anblick einen spitzen Schrei aus. 

Und auch Sekai zuckte zusammen. „Feistar! Was, verdammt noch mal, machst du hier?“

„Ich… äh…“ Feistar trat von einem Fuß auf den anderen.

„Hast du uns etwa belauscht?“ Sekai stand auf und eine steile Falte stand nun zwischen seinen Brauen.

Auch Emani erhob sich. Ihre Augen waren weit aufgerissen und sie zog sich den Schleier vor Mund und Nase, als würde Feistars Blick sie beschämen. Der auffrischende Wind ließ Haarsträhnen um ihre Schläfen flattern.

„Nein!“, widersprach Feistar. „Ich habe nicht gelauscht. Ich meine, ja, ich habe euch gehört. Aber es war keine Absicht. Ich war schon vor euch hier oben und –“

„Du wollest uns hinterherspionieren! Ist es nicht so?“ Sekais Stimme wurde lauter.

„Wollte ich nicht!“, fuhr Feistar auf. „Ich wollte meine Ruhe haben. Ich konnte ja nicht ahnen, dass du die Schülerin unserer Geschichtenhüterin heute Nacht hier entjungfern wolltest!“

Emani riss die Augen auf und Sekai trat schützend vor sie. „Wehe du erzählst jemandem davon. Dann drehe ich dir den dürren Hals um, Feistar, ich schwöre es!“

„Es ist nicht recht, was ihr hier tut!“ Trotzig hob Feistar das Kinn. „Emani, du solltest unten bei Suheyla sein. Nicht hier oben mit Sekai. Du bist nicht die erste, die er –“

„Halt die Klappe!“ Sekais Gesicht lief dunkel an, das konnte Feistar selbst im Mondlicht sehen.

Emani trat vor und zog den Schleier vom Gesicht. Das Kettchen an ihrem Nasenring klirrte leise. „Es ist nicht so, wie du denkst, Feistar. Ich wollte nur die Oase Sirim sehen, das ist alles. Deshalb habe ich Sekai gebeten, mich herzubringen. Suheyla lässt mich keinen unbeobachteten Schritt tun, seit ich hier bin.“

Sein Name in ihrem Mund war wie Balsam auf Feistars verletzten Stolz. Aber so ganz konnte er die Empörung nicht loslassen. „Warum hast du nicht mich darum gebeten?“, fragte er. „Ich hätte das nicht ausgenutzt, so wie er. Mir hättest du vertrauen können.“

Sekai prustete los. „Ja, natürlich! Du hättest den Heiligen gespielt!“

„Sie ist die Schülerin der Geschichtenhüterin!“ Der Wind riss Feistar die Worte von den Lippen, feine Sandkörner stachen in seine Wangen. Er wickelte eine Bahn seines Turbans ab und beschirmte damit sein Gesicht. „Du hast keinen Respekt vor dieser Aufgabe!“

„Und du winselst wie ein Rüde vor der läufigen Hündin, die er nicht haben kann!“ Sekai grinste.

Eine Böe erfasste Emanis Schleier und zerrte daran. Staub und Sand verdunkelten den Himmel. Von einem Moment auf den anderen konnte man kaum noch etwas sehen.

„Der Sandsturm kommt. Wir müssen runter!“, rief Sekai und griff nach Emanis Hand. „Schnell, bevor es richtig losgeht.“

Emani folgte ihm. Aber kurz bevor sie den Pfad erreichten, der nach Osmat zurückführte, drehte sie sich noch einmal um. „Kommst du nicht mit, Feistar?“

Er zögerte. Natürlich sollte er mitkommen. Das hatte er vorgehabt. Die Aussicht, hier die ganze Nacht im Sandsturm festzusitzen, war nicht gerade verlockend. Aber er wollte Sekai nicht nachgeben. „Nein. Ich bleibe“, rief er deshalb. „Ich wollte sowieso heute hier übernachten.“

Emani starrte ihn an.

„Rede keine Unsinn!“, rief Sekai. „Komm jetzt!“

„Nein!“ Feistar trat zurück in den Überhang, wo die beiden ihn nicht mehr sehen konnten. Dort im Windschatten setzte er sich auf den Fels und sah die Sandböen vorüberpeitschen. Einen Augenblick später landete Sekai neben ihm. Er war vom Plateau auf den Absatz heruntergesprungen und duckte sich in den Überhang. Sein Gesicht war zornig verzerrt. Er packte Feistar am Arm und zog ihn hoch. „Komm, hab ich gesagt! Das ist gefährlich, was du hier treibst.“

Feistar riss den Arm los. „Lass mich! Du hast doch bloß Angst!“

Sekai warf die Arme in die Luft. „Emani steht da oben. Sie will nicht ohne dich gehen. Willst du ihr Leben aufs Spiel setzen? Also mach kein Drama, sondern komm mit uns zurück ins Lager.“

„Du hast sie hier herauf gebracht, nicht ich!“, erwiderte Feistar.

Von oben hörte man Emanis Schrei. Aber gegen das Tosen des Windes konnte man sie nicht verstehen.

„Idiot!“ Sekai wandte sich ab und wollte wieder aufs Plateau klettern. Aber da erschienen schon Emanis Füße, dann ihre Beine, als sie sich herunter hangelte. Sekai fing sie auf. Dann standen sie zu dritt zusammengedrängt im Felsüberhang. Es war nicht genug Platz für sie drei. Der Sandsturm riss an ihren weiten Gewändern.

Emani hustete und rieb sich den Sand aus den Augen. „Es ist zu spät! Wir können nicht mehr zurück. Man sieht ja die Hand nicht mehr vor Augen.“

„Das ist alles deine Schuld!“ Auch Sekai hustete und versuchte, das Gesicht vor dem wirbelnden Sand zu schützen.

Eine Weile standen sie so, eng beeinader, und sahen zu, wie der Sturm an Fahrt aufnahm. Das Tosen war jetzt so laut, dass es in den Ohren schmerzte.

„Was machen wir jetzt?“, fragte Emani. Sie kauerte in der hintersten Ecke, das Gesicht fast vollständig von ihrem Schleier bedeckt.

„Was schon, wir warten.“ Sekai zog die Schultern hoch, als eine besonders starke Böe seinen Rücken traf. Auch Feistar musste sich am Fels festhalten. Das wilde Flattern der Stoffe seines Kaftans brachte ihn fast aus dem Gleichgewicht. Es fühlte sich an, als wolle der Sturm ihn in die Tiefe ziehen.

Emani machte sich noch kleiner. „Es ist nicht genug Platz für uns drei. Wenn das so weitergeht, wird noch einer von euch fallen. Kommt weiter herein.“ 

Aber wussten alle drei, dass das wenig ändern würde. Feistars Muskeln brannten bereits von der verkrampften Haltung, die er einzunehmen gezwungen war.

„Wir könnten runterklettern“, schlug er nach drei weiteren harten Böen vor. „Zwischen die Bäume. Dort wären wir geschützter.“

„Bist du wahnsinnig?“ Sekai warf ihm einen wütenden Blick zu. „Hast du nicht zugehört, was ich Emani eben erzählt habe? Das wäre Selbstmord.“

„Wo Pflanzen wachsen, ist es windgeschützt.“ Feistars Arme begannen vor Anstrengung zu zittern.

„Es ist nicht der Wind, den ich fürchte“, sagte Sekai. Eine Warnung lag in seiner Stimme.

Schweigen trat ein.

„Aber vielleicht hat Feistar recht“, meldete sich Emani leise zu Wort.

„Ich geh da nicht runter!“, knurrte Sekai. „Und wenn ich die ganze Nacht hier im Sturm ausharren muss.“

„Du bist ein solcher Feigling!“, warf Feistar ihm vor. 

Dass er einmal Gelegenheit bekommen würde, Sekai das zu sagen, wäre ihm in seinen kühnsten Träumen nicht eingefallen. Es fühlte sie an wie ein… wie ein Sieg. „Nur weil dein Bruder dort gestorben ist, heißt das nicht, dass es uns genauso ergehen muss. Du bist doch auch lebend wieder rausgekommen“, setzte er hinzu.

Sekais setzte zu einer heftigen Antwort an, aber Emani kam ihm zuvor: „Beruhigt euch, ihr zwei!“, verlangte sie. Dann räusperte sie sich. „Den Legenden nach werden die Toten immer nur in den Ruinen gefunden. Nie im Palmenhain.“ Sie blickte zu Sekai auf. „Bei dir war es doch genauso, oder?“

Mit verzerrter Miene sah er sie an. Und Feistar glaubte nicht, dass er wegen des Sandsturms so verbissen dreinschaute. „Ja“, gab er schließlich zu.

Feistar blickte über die Schultern in den Sturm hinaus. Von Bäumen oder Ruinen war nichts mehr zu sehen. Nur eine heulende schwarze Nacht, jedes Sandkorn im Wind, wie eine Nadel in der Haut. War es vielleicht doch keine so gute Idee gewesen, hierzubleiben?

„Lasst es uns doch versuchen“, bat Emani. „Zwischen den Bäumen sind wir sicherer als hier oben. Da hat Feistar recht.“

Sekai schloss die Augen und schüttelte den Kopf, als könne er so viel Unvernunft nicht fassen. Man konnte sehen, wie er mit sich rang.

„Bitte!“ Emani legte sanft die Hand auf seinen Arm. „Wir können nicht die ganze Nacht so stehen. Schlimmer als hier oben, kann es da unten doch nicht sein.“

Sekai schnaubte. „Du hast ja keine Ahnung.“

„Wenn du nicht gehen willst, gehen Emani und ich eben allein“, schlug Feistar vor. Das Siegesgefühl machte ihn wagemutig. Trotz der auf seinen Rücken einpreschenden Windböen musste er sich ein Lächeln verkneifen.

Emani warf ihm einen Blick zu, den er nicht recht deuten konnte. Dann stand sie auf und schob sich vor an seine Seite. Sie schein seinen Vorschlag tatsächlich gutzuheißen!

„Nein!“ Sekai stellte sich ihr in den Weg. Er wirkte bestürzt. „Du bleibst hier.“

„Ich gehe“, sagte Emani fest.

Sekai starrte sie an. 

Emani erwiderte seinen Blick. „Komm schon!“

Sekais Augenbraue zuckte. Er rieb sich das Kinn und sah dann über die Schulter in den immer stärker werdenden Sturm. „Nur… nur in den Palmenhain, ja?“, fragte er. 

Emani nickte. „Ja, nur bis zwischen die Bäume.“

Langsam griff Sekai nach seinem Turban und band ihn fester. „Also gut.“ Eine Stoffbahn legte er über sein Gesicht, so dass nur ein schmaler Schlitz für die Augen übrigblieb. „Ich kenne den Weg. Deshalb gehe ich besser als erster. Passt auf, dass wir eng zusammenbleiben und uns nicht im Sturm verlieren. Und keiner folgt irgendwelchen Lichtern oder Stimmen. Habt ihr das verstanden?“

Feistar nickte. Zugleich war er aber etwas enttäuscht. Zu gerne hätte er gesehen, wie Sekai vor etwas zurückschreckte, das er selbst zu tun bereit war.

Emani folgte Sekai auf den Absatz hinaus. Feistar ging jetzt als letzter. Er konnte nichts sehen als wirbelnden Sand, der ihm in die Haut biss und in den Augen ätzte. Die Felsen waren steil, der Pfad kaum mehr als eine in den Fels gemeißelte Leiter, rutschig vom angewehten Sand. Die einzelnen Stufen waren schmal und oft so weit auseinander, dass man sich mit Händen und Knien vortasten musste, um sie nicht zu verfehlen. Wie weit es bis zum nächsten Absatz hinunterging, wusste man erst, wenn man ihn erreicht hatte und der Fuß wieder festen Tritt fand. Feistar verlor beinahe seine kaputte Sandale. Deshalb zog er sie auf dem nächsten Absatz vom Fuß und stopfte sie in die Tasche seines Kaftans. Und als er wieder aufsah, war Emanis Umriss im wirbelnden Staub verschwunden.

„Emani!“, brüllte er. „Sekai? Wo seid ihr?“

Im Fauchen des Sturms hörte er kaum seine eigenen Worte. Er irrte weiter, immer nach unten, verlor den Pfad, suchte ihn, fand ihn wieder. All das eher tastend als sehend. Und dann glaubte er, einen Umriss vor sich zu erkennen. Eine Gestalt. Und war das nicht ein Ruf, den er da hörte?

„Emani?“, brüllte er noch einmal. Er tappte in die Richtung, wo er sie gesehen zu haben glaubte. Aber der Schemen löste sich auf, bevor er ihn erreichte. „Sekai?“

Er machte noch einen Schritt. Sein Fuß trat ins Leere.

Der Sturmwind riss ihm die Stoffbahn vom Gesicht. Sand peitschte ihm in Mund, Nase und Augen. Er fiel in Leere. Und einen Augenblick später schlug er hart auf. Der Atem blieb ihm im Halse stecken und sein rechtes Handgelenk explodierte vor Schmerz unter ihm. Er keuchte. Tränen schossen ihm in die Augen. Er wälzte sich auf den Rücken und presste das Handgelenk an sich. Und als er die Augen wieder öffnete, sah er, von Tränen verschleiert, über sich den Sturm und dazwischen wogende Baumkronen.

„Feistar!“ Emani beugte sich über ihn. Ihr Gesicht war verkrustet mit Staub, die Haare braun davon, Tränenspuren hatten sich in die Schmutzschicht auf ihren Wangen gefressen. Und ihre Augen schimmerten hell. Sie sah auf sein Handgelenk und machte einen Schritt rückwärts.

Sekai tauchte neben ihr auf, gleichermaßen mit einer braun-rötlichen Staubschicht überzogen. Auch seine Augen waren gerötet und tränten. „Bist du gefallen? Ist alles in Ordnung?“

„Meine Hand!“ Feistar setzte sich auf und versuchte, das Handgelenk zu bewegen. Es ging nicht. Stattdessen spürte er das Brennen bis hinauf in die Schulter ziehen.

Sekai hockte sich neben ihn. „Ist vielleicht gebrochen. Besser du hältst die Hand still.“

„Ach, was du nicht sagst!“, fuhr Feistar ihn an.

„Scht, leise!“ Sekai stand auf und blickte sich um. „Mach hier nicht solchen Lärm!“

Obwohl das Tosen des Sturms hier unten im Windschatten nur als fernes Raunen zu hören war, rauschte es in Feistars Ohren. Wie eine rostrote, von Schlieren durchzogene Zeltplane fegte der Sandsturm oberhalb der Baumkronen über sie hinweg. Nur feiner Staub rieselte herunter. Zweimal musst Feistar heftig davon niesen. Sand bröselte aus seiner Kleidung und dem Turban. Die Haut an Gesicht und Händen stach und Mund und Nase waren so trocken, dass es weh tat. Er hätte alles für einen Schluck Wasser gegeben. Aber als er wieder klar sehen konnte, lag ein blasses bläuliches Licht auf dem Palmenhain.

„Es sind die Ruinen“, sagte Emani. „Sie strahlen bis hierher.“ Ihr Blick hatte etwas Verklärtes.

Auch Sekai schaute zu allen Seiten. Aber er hielt jetzt den Dolch in der Hand, den jeder Stammeskrieger am Gürtel trug. 

Feistar stand auf. „Du sagtest doch, der wird dir hier nichts nützen.“

„Man kann nie wissen“, sagte Sekai.

Emani nieste dreimal und schüttelte den Sand aus ihrem Zopf. „Lasst uns zum Seeufer gehen. Dort können wir trinken und uns die Augen auswaschen. Und vielleicht ist das Licht dort stärker und wir können Feistars Handgelenk schienen.“

„Nein gute Idee“, widersprach Sekai. „Je weiter wir von den Ruinen wegbleiben, um so besser. Und sobald der Sturm sich legt, klettern wir wieder hoch und verschwinden von hier.“

Emanis Blick wanderte zu Feistar. „Denkst du, du kannst da wieder raufklettern, mit deiner Hand?“

Von hier unten wirkte die Felswand noch steiler als von oben. Es war schon mit heilen Gliedmaßen eine Herausforderung gewesen. Aber sich mit der unbrauchbaren Hand dort hochzuziehen, würde in der Tat schwierig werden. Der Anblick des geisterhaft blassen Palmenhains verursachte ihm plötzlich eine Gänsehaut. Vor allem als ihm einfiel, was er kurz vor seinem Sturz gesehen hatte: Ein Schemen im Sandsturm. Stimmen. Geister…

„Du kannst es schaffen“, sagte Sekai. „Ich helfe dir. Und zur Not holen wir ein Seil aus dem Zeltlager und ziehen dich hoch.“ Aber es klang, als wolle er sich selbst Mut zusprechen.

„Es gibt noch einen anderen Weg“, sagte Emani. „Wir könnten auch durch die Ruinen gehen.“

Sekais Kopf ruckte zu ihr herum. Und auch Feistar traute seinen Ohren kaum. Die Oase Sirim war von drei Seiten von Felswänden umschlossen. Nur im Norden öffnete sich das Felsrund in die Wüste hinaus. Man könnte so die Felsen umgehen und zurück nach Osmat gelangen. Aber dafür musste man die Ruinen durchqueren.

Sekais Gesicht wirkte totenblass. „Hast du mir nicht zugehört, Emani? Wir gehen nicht zu den Ruinen. Niemals!“

Emani glättete ihr Gewand. „Hast du denn nie darüber nachgedacht, ob dein Bruder vielleicht recht hatte?“

Sekai runzelte die Brauen. „Wie meinst du das?“

Toraf und Negev. Anfang und Ende.“ Sie lächelte und ihre Augen glänzten. „Nur hier, wo die Gabe ihren Anfang nahm, kann sie auch ihr Ende finden. Alle Geschichtenhüter wissen das. Deshalb erzählen wir Pankajs Geschichte, wann immer die Würfel auf diese Zeichen fallen. Was glaubst du, warum Suheyla deinen Bruder und dich damals nicht davon abgehalten hat, es auszuprobieren? Sie wusste, dass ihr gehen würdet, da bin ich sicher.“ Der kühle Schein der Ruinen erhellte sie wie eine Lichtgestalt.

„Du… du hast das absichtlich gemacht!“ Sekais machte einen Schritt rückwärts. „Du hast mich absichtlich hierher gelockt! Ist es nicht so? Du wolltest, dass wir hier heruntersteigen.“

„Sekai…“ Emani trat auf ihn zu.

Aber er wich, als wäre sie aussätzig. „Fass mich nicht an!“

Ihr Lächeln wankte. „Ich bin eine Geschichtenhüterin“, sagte sie. „Meine Aufgabe ist es, den Befreier zu finden. Und seit ich hier bin, sehe ich, dass du das größte Potenzial von allen hast. Du hast die Ruinen bereits einmal überlebt. Du könntest unser Befreier sein, Sekai! Selbst Suheyla glaubt das. Wir müssen nur herausfinden, wie wir die Gabe des Roten Königs bekämpfen können. Und das Ende finden wir nur, wo es auch seinen Anfang nahm. In den Ruinen! Wir müssen dorthin gehen.“

„Nein!“, zischte er. „Diese ganzen Geschichten richten mehr Unheil an, als Gutes! Ich will davon nichts hören!“

Emanis Lächeln zerfiel. „Du bist verbittert und betrauerst deinen Bruder. Das verstehe ich. Aber er war nicht der Richtige. Du aber könntest es sein! Es fordert eben Opfer, das Rechte zu tun.“

„Und wer sagt mir, dass ich nicht das nächste Opfer bin?“ Sekais Mund verzog sich zu einem bitteren Lächeln. „Da musst du dir schon jemand anderen suchen. Ich mache da nicht mit.“

Emani starrte ihn an. „In ein paar Jahren werde ich die Geschichtenhüterin deines Stammes sein. Du schuldest mir Gehorsam! Und du darfst dich nicht gegen das Schicksal stellen. Das wird dich und uns alle unglücklich machen. Die Ruinen sind zum Greifen nah. Hörst du nicht ihren Ruf?“

„Ich höre gar nichts, außer dem Heulen des Windes!“

Feistar aber hörte etwas. Die Stimmen im Sturm schienen ihm zuzuflüstern, ihn zu locken. Ja, die Ruinen waren zum Greifen nah. Und vielleicht hatte das Schicksal nicht Sekai gemeint, als es sie drei hier herunter geführt hatte. Sondern ihn: Feistar.

„Ich gehe!“, sagte er entschlossen. „Ich werde in die Ruinen gehen.“

Emani drehte sich zu ihm um. „Du?“

„Tu das nicht!“, sagte Sekai und er klang gar nicht mehr wie der stolze Krieger. „Das ist es nicht wert, Feistar.“

„Ich glaube schon.“ Er richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Stolz wandte er sich an Emani. „Wir beide, du und ich, wir werden zusammen gehen! Und wir werden das Ende finden!“ Er hielt ihr die geöffnete Hand hin.

Aber Emani strahlte ihn nicht an, wie er erwartet hatte. „Mach dich nicht lächerlich!“, sagte sie. Ihr Ton traf ihn tiefer, als jeder Spott ihn je getroffen hatte. Ihr Blick wanderte an ihm hinauf und hinunter. Blieb an seinen schmalen Schultern, dem anschwellenden Handgelenk und der Sandale hängen, die halb aus der Tasche seines Kaftans ragte. „Du bist es nicht.“ Sie wandte sich wieder an Sekai, als wäre Feistars Vorschlag nichts als der übermütige Zwischenruf eines Kindes gewesen.

„Ich gehe, habe ich gesagt!“ Feistar baute sich vor ihr auf. „Ich weiß, dass ich der Richtige bin.“

Und sie lachte. Sie lachte ihn aus! „Du kannst ja kaum ein Schwert halten, Feistar. Niemand würde sich dir anschließen. Wie willst du die Stämme gegen den Roten König führen?“

Die Welt um ihn schien zu wanken. Und Emani, eben noch strahlend schön, erschien ihm nun wie die Verkörperung all der Erniedrigungen, die er im Laufe der Jahre hatte ertragen müssen. Feistar, der Tollpatsch. Feistar, der sich für etwas Besseres hielt. Feistar, der lieber Geschichten hörte, als einer ehrlichen Arbeit nachzugehen. Feistar, der große Worte spuckte, aber keine Taten folgen ließ.

Doch diesmal würde er Taten folgen lassen!

„Ich bin der Richtige!“, wiederholte er. „Ich werde in die Ruinen gehen. Du und alle anderen, ihr werdet sehen, dass ihr euch getäuscht habt. Ihr werdet es bereuen, wie ihr mich behandelt habt!“

Schweigen trat ein.

„Feistar, Du musst uns dochnichts beweisen. Sei doch vernünftig…“ Ehrliche Reue schwang in Sekais Stimme mit. Er legte Feistar eine Hand auf die Schulter.

Aber der schüttelte sie ab. Mit der unverletzten Linken zog er die Sandale aus der Tasche, ließ sie auf den Boden fallen und schlüpften mit dem Fuß hinein. Dann wandte er sich ab und ging ohne ein weiteres Wort in den Palmenhain.

„Feistar!“, rief Sekai ihm nach.

„Folge ihm!“, sagte Emani. „Halte ihn nicht ab, sondern lass uns mit ihm zusammen gehen.“

Sekais Antwort verstand Feistar nicht mehr. Das Brausen des Sturms über ihm und das Säuseln der Palmen im Wind verschluckte sie. Die rechte Hand an sich gepresst ging er weiter. Das Handgelenk schwoll und es pochte darin. Ein Schluchzen würgte ihn im Hals, aber er ließ es nicht hochkommen. Am Tag seiner Erweckung wollte er nicht heulen, wie ein Kind. Er wollte hoch erhobenen Hauptes in die Ruinen treten. Und morgen früh würde er entweder ebenso daraus hervorkommen, oder er würde für immer dortbleiben.

Der Palmenhain lichtete sich. Der Boden wurde sandiger, dann kiesiger. Und dann musste Feistar die Augen zusammenkneifen, weil er den Windschatten der Felsen hinter sich ließ. Der Sturmwind kräuselte das Wasser des Sees, während Feister am Ufer entlang nach Norden stolperte. Immer auf die Ruinen zu. Der kaputte Riemen der Sandale klatschte ihm bei jedem Schritt unter dem Kaftan gegen die nackte Wade. Der Sand wurde tiefer, jeder Schritt beschwerlicher. Und als er den Rand der Ruinen erreichte, blies der Sturm ihm mit solcher Macht entgegen, dass er sich hineinlehen und die Augen schließen musste, um voranzukommen. Aber er würde nicht stehen bleiben. Er würde diesen verfluchten Geistern gegenübertreten. Und er würde das verfluchte Ende finden. Für sich, und auch für die Stämme der Wüste!

Da stieß sein Fuß gegen etwas Hartes. Die Sandale blieb daran hängen. Feistar keuchte und stürzte. Gerade noch fing er sich mit der unverletzten Hand ab und rappelte sich auf.  Aber sein linker Fuß war nackt. Er fluchte. Die kaputte Sandale, er musste sie verloren haben! Blind tastete er um sich. Doch seine Finger trafen kein Leder,. Stattdessen ertastete er etwas anderes. Es war glatt und rund und leicht. Er setzte sich auf und besah es sich, die Augen zusammengekniffen und tränend vom Wind. Erst als er den Gegenstand wendete, und die Zähne und die leeren Augenhöhlen sah, begriff er, dass es ein Totenschädel war. 

Er ließ ihn fallen und kam so schnell hoch, dass sein Handgelenk wieder zu pochen begann. Unter seinen Füßen knirschte es verdächtig und mit der nackten Fußsohle spürte er harte Splitter und Kanten, die sich in seine Haut bohrten. Schnell humpelte er weiter, den Kopf gegen den Sturm gesenkt und die Augen geschlossen.

Und dann stieß er noch einmal gegen etwas Hartes. Diesmal mit dem Kopf und der verletzten Hand, die er an seine Brust gedrückt hatte. Er unterdrückte einen Schmerzensschrei. Und dann erkannte er, wogegen er gelaufen war: vor ihm ragte eine Lehmziegelmauer auf, rundgeschliffen vom Wind und der Zeit. Es waren zwei fast mannshohe Mauern, die sich zu einer Ecke zusammenschlossen. Feistar zögerte und schluckte, um seine trockene Kehle zu befeuchten. Dann stapfte er hin und ließ sich dort in die Hocke sinken. Die Mauern boten zumindest ein wenig Schutz vor dem Sandsturm. ER kam zu Atem und lauschte. Und wie er da saß, hörte sich das Pfeifen und Heulen des Windes an, wie das Weinen einer Frau. Mehrerer Frauen, um genau zu sein. Das Gekreische war so schrill, dass er sich nach einer Weile die Hände auf die Ohren drückte, um es nicht mehr hören zu müssen. Aber das verletzte Handgelenk tat dabei so weh, dass er den Arm wieder sinken lassen musste. Das Gejammer schwoll ab und an, ab und an. Mal eine weit entfernte Stimme, mal ein ganzer Chor, der aus allen Richtungen zu kommen schien.

Aber vielmehr geschah nicht. Feistar entspannte sich ein wenig. Wenn es denn nur Stimmen sind, sagte er sich, mögen sie die ganze Nacht jammern und weinen. Davon würde er nicht sterben. Aber gerade, als er das dachte, gaukelte ihm der fliegende Sand eine Gestalt vor. Den Umriss eines Vermummten, der durch den Sturm auf ihn zukam. Feistar riss die Augen auf und starrte in die Dunkelheit.

Die Gestalt verwehte und zerfiel. Nichts.

Wahrscheinlich war er nur kurz eingenickt und hatte geträumt. Oder seine vom Staub gereizten Augen gaukelten ihm dies Formen vor. Das Jammern entfernte sich wieder, wurde leiser. Der Wind schien ein wenig nachzulassen und die Luft wurde mit einem Mal so klar, dass Feistar den Sternenhimmel über sich sah. Tausende und Abertausende von Gestirnen, verwaschen und rot vom Staub in der Luft, blickten auf ihn nieder. Der Sichelmond stand hoch. Und als er den Blick wieder senkte, da sah er es wieder: Eine vermummte Gestalt in der Dunkelheit. Sie wankte, und sie fiel.

Feistar stand auf. „He! Du!“, rief er.

Der am Boden Liegende regte sich. Zögerlich ging Feistar näher heran. Dann erkannte er den Kaftan und den Turban…

„Sekai!“ Er kniete sich neben seinen Cousin. „Was ist mit dir?“ Und weil Sekai halb auf dem Bauch lag, wälzte Feistar ihn mit der gesunden Rechten herum. Das Gesicht seines Cousins war kreidebleich. Er hatte beide Hände auf seinen Bauch gepresst. Und ein Blutfleck breitete sich auf dem hellen Stoff seines Gewandes aus.

Feistar schreckte zurück. „Bei allen vier Winden, Sekai! Was ist passiert?“

„Emani“, sagte er gepresst. „Sie… sie ist wahnsinnig!“

„Hat sie dir das angetan?“ Feistar konnte es nicht glauben. „Wo ist sie?“

„Hier!“, sagte Emani. Sie stand fünf Schritte entfernt, in einer Hand Sekais Initiationsdolch. Auch dieser war voller Blut. Ebenso ihre Hände. Aber darunter… unter all dem Blut, schimmerte ihre Haut. Das Gesicht unter der Staubschicht und vor allem ihre Augen erstrahlten in kühlem, bläulichen Licht.

Feistar sprang auf und wich zurück „Was hast du getan?“, schrie er sie an. 

Und da kam ihm ein Gedanke. Es fiel ihm wie Schuppen von den Augen. Dieses Licht, die Geschichten berichteten davon. Die unwirkliche Schönheit der Begabten. Sie, Emani, war eine von ihnen! Eine Begabte. Feister wankte rückwärts, bis er mit dem Rücken gegen die Mauerreste der Ruinen stieß.

Emani folgte ihm gemächlich. Und wie sie sich näherte, schien der Sand und die Mauer um sie in eben diesem Sternenlicht aufzuglühen, das auch ihre Haut bedeckte.

Sie blieb stehen, starrte Feistar an und schien ihn doch nicht zu sehen.

„Was hast du getan?“, fragte er noch einmal. „Warum hast du Sekai verletzt?“

„Der Fluch“, sagte sie. „Wo er den Anfang nahm, da wird er auch sein Ende finden.“ Sie ließ den Dolch fallen und sackte in die Knie. Dabei drückte sie das Gesicht in ihre blutigen Handflächen und ihre Schultern erbebten. Und aus dem Wüstensand, auf dem sie kniete, schienen sich dünne Lichtfäden zu lösen. Sie hafteten sich an ihre Füße, ihre Kleider, ringelten sich an ihren Armen empor.

„Was tust du da?“, flüsterte Feistar und tappte näher, angezogen wie die Insekten vom Licht.

Emani ließ die Hände vom Gesicht sinken. Sekais Blut klebte nun an ihren Wangen und Lippen. „Ich bin verflucht“, sagte sie und Tränen liefen ihr über das Gesicht. Sie streckte eine Hand nach Feistar aus. Gläsern leuchtender Staub haftete daran, wie ein hauchdünner Handschuh. 

Der Anblick war so unwirklich, das Feistar die eigene Hand danach ausstreckte. Und als sein Finger ihre Haut berührte, war sie heiß, brennend wie Feuer. Und dieses Feuer peitschte in ihn hinein und raste durch ihn hindurch. Er zog die Hand zurück. Und im gleichen Moment stieg das Licht wie aus der Wüste auf und schoss wie tausend winzige Pfeile auf Emani nieder.

Sie keuchte und sackte in sich zusammen. Noch mehr Licht sammelte sich um sie und auf ihr. Es schien von ihrem Körper angezogen zu werden. Der Sturmwind, der wieder anhob, schien das Ganze nur noch mehr anzufachen. Er brauste in einer mächtigen Woge über sie hin und verschluckte ihren Schrei. Feistar riss den Arm vors Gesicht und wich zurück in die geschützte Mauerecke. Dort kauerte sich zusammen. Er machte sich so klein, wie er konnte,  und bedeckte den Kopf mit den Armen und zog die Knie bis zur Brust.

Das Geheul des Windes wurde mit der nächsten Böe so laut, dass es jedes andere Geräusch übertönte. Lichter tanzten im Wind. Und das Tosen war der vereinte Schrei tausender Stimmen, die wild durcheinander brüllten. Feistar konnte kaum noch atmen, weil der Staub jetzt selbst durch seine Kleider drang. Er füllte Mund und Nase und Ohren. Und Feistar glaubte zu ersticken. Er fürchtete sich, wie er sich noch nie in seinem Leben gefürchtet hatte. Und er wünschte, er hätte auf Sekai gehört und wäre umgekehrt. Er hätte mit ihm zurück ins Zeltlager gehen sollen, dann wäre all das nicht geschehen. 

Aber jetzt war es zu spät. War Sekai tot? Feistar drückte die Handballen auf die Augen, bis er Sterne sah. Er hätte ihm helfen sollen, hätte ihn mit sich in den Windschatten ziehen sollen. Sekai hätte das für ihn getan, da war er sicher.

„Sekai!“, wimmerte er. Aber er hörte nicht mal seine eigene Stimme. Das Tosen des Windes war überall. 

Keine Antwort. Nur dieses an den Nerven zehrende Jammern im Wind. Und zwischen den Sandwehen funkelten hin und wieder die Sterne. Und auch die Geister-Lichter. Wer die Lichter sieht, der kann nur zweierlei tun, pflegte Suheyla zu sagen. Man läuft davon. Oder man stirbt. 

Feistar fror jetzt. Kalt wie der Tod fühlte sich der Wind an. Und die Lichter flackerten und lockten. Es schien Ewigkeiten anzudauern.

Erst als das goldene Licht der aufgehenden Sonne den Sand in der Luft rotglühen ließ, wurden die Böen schwächer. Das Tosen und Brausen wurde zu einem Wispern. Abertausende Sandkörner fielen knisternd zu Boden, der Wind hatte seine Kraft an den Morgen verloren.

Feistar setzte sich auf. Sand rutschte von seinen Schultern und rieselte aus seinem Turban. In der Mauerecke war er zur Hälfte davon vergraben worden. Er schüttelte sich und blickte sich mit brennenden Augen um. Der der Himmel wurde klar. Noch immer ragten die Mauern hinter ihm auf, aber von Emani und Sekai gab es keine Spur. 

Mit steifen Gliedern und summenden Ohren ging ein paar Schritte, bis sein nackter Fuß im Sand gegen etwas Schweres, weiches stieß. Vor ihm war eine leichte Erhebung erkennbar. Und dort, wo sein Fuß stand, ragte jetzt ein Finger aus dem Sand.

Einen Augenblick stand Feistar ganz still. Dann ließ er sich auf die Knie nieder und grub. Er legte die Hand frei, den Arm, die Schulter. Dann das Gesicht. Sekais Mund stand offen und Sand hatte sich darin gesammelt. Er war tot.

Feistar ließ die Hände sinken. Und erst jetzt fiel ihm auf, dass er mit beiden Händen gegraben hatte. Und er hatte keine Schmerzen dabei gefühlt. Sein linkes Handgelenk war nicht mehr geschwollen und es pochte auch nicht mehr. Ungläubig drückte er daran herum. Dann suchte er mit den Augen die nähere Umgebung ab, bis er eine zweite, kleinere Erhebung in Sand fand. Auch dort grub er, langsamer diesmal, denn er fürchtete sich davor, was er dort finden würde. 

Nicht lange und seine Hände berührten Stoff. Blutigen Stoff. Und darunter spitze scharfe Kanten. Vorsichtig grub er weiter. Und Stück für Stücke legte er Emanis Körper frei – oder das, was davon übrig war. Denn ihr ganzer Leib, vom Kopf bis zu den Füßen, war bedeckt und bespickt mit funkelnden Kristallsplittern und schillerndem Glasstaub. All das Licht, das er in der Nacht an ihr gesehen hatte, das waren diese Splitter gewesen. Es war ein grausiger Anblick, grausig und schön zugleich. Emani hatte dieses Licht angezogen. Sie und ihr Fluch: Die Gabe des Roten Königs. Und die größeren scharfkantigen Splitter hatten sich durch ihre Haut und tief in ihr Fleisch gegraben. Sie sah aus, als würde sie vollständig aus Kristall bestehen. Auch sie war tot, daran gab es keinen Zweifel.

Feistar ließ sich auf die Fersen zurücksinken und betrachtete sie. Was bedeutete all das? Die Geisterlichter in der Oase, das waren gar keine Geister. Es waren die Splitter  von Kristall. Von Pankajs Kristall, anders konnte es nicht sein. Tausende und abertausende Bruchstücke. Manche von Jahrhunderten in der Wüste zu Staub zermahlen. Und aus irgendeinem Grund schien, Emani, die eine Gabenträgerin gewesen war, sie anzuziehen. Und zwar so sehr, dass sie daran erstickt war, dass ihre Haut davon zerrissen wurde. Und die größeren Splitter waren tief in ihren Körper gedrungen. Bis ins Herz. Und daran musste sie gestorben sein.

Feistar nahm einen der größeren Splitter in die Hand und wischte das Blut ab. Es war ein spitzer Zacken, nicht größer als ein Rosendorn. Er drehte und wendete ihn. Er hielt ihn gegen die aufgehende Sonne. Durchsichtig wie Wasser, die Kanten scharf wie Klingen.

Der Anblick trieb ihm Tränen in die Augen. Ein träges, kratzendes Lachen quoll aus ihm heraus. Es klang eher wie ein Husten, und es fühlte sich auch so an. Aber er lachte, und er konnte gar nicht mehr damit aufhören. Denn all die Jahre, all die Jahrhunderte, hatten die Stämme geglaubt, ein Fluch läge auf der Oase Sirim. An Geister hatten sie geglaubt. Dabei war es gar kein Fluch. Es war der Kristall selbst, der hier sein Unwesen trieb. Pankajs Kristall lag hier, zerborsten in tausende Stücke. Und die Wüste peitschte sie Nacht für Nacht im Sandsturm durch die Ruinen. Sie schimmerten und leuchteten. Und wann immer sich jemand näherte, der auch nur einen Funken des Donidenfluchs in sich trug, war er des Todes. Denn der Kristall erkannte seine Macht in ihnen wieder, und wollte sie zurückhaben. So musste es sein. Das musste das Ende sein!

Wankend kam Feistar auf die Beine. Er musste auch die Splitter finden. Alle. Die Tausende von Nadeln, versteckt im Wüstensand. Am Tage war das eine unmögliche Aufgabe. Aber in der Nacht, wenn der Wind sie freilegte und durch die Lüfte trieb, dann konnte man ihr Licht sehen.

Suheyla und all die Geschichtenhüter hatten Recht gehabt. Anfang und Ende lagen genau hier in der Oase Sirim. Aber es war nicht der Ort, der das Ende bringen würde. Es war Kristall. Und wenn der Rote König nicht zum Kristall kam, dann musste der Kristall eben zu ihm kommen.

Und er, Feistar Bergan, würde derjenige sein, der dem König dieses tödliche Geschenk überbringen würde.

© 2022 Janis Nebel

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