Der Asrenkrieger (Wandelblut 2) von Janis Nebel

Leseprobe aus „Der Asrenkrieger“, Band 2 der Wandelblut-Saga

Gute & schlechte Taten

Mitja, Gegenwart

Mitja, am nächsten Tag

Mitja sackte das Herz in die Hose, als Wanja auf den Hof geritten kam. Er hatte sich gerade am Brunnen Wasser ins Gesicht gespritzt, um den Schlaf aus seinem Kopf zu vertreiben. Der Mittag war schon vorüber. Er hatte viel zu lange geschlafen. Und erst bei Wanjas Anblick wurde ihm klar, dass Nikolaj ihn ja heute Morgen eigentlich auf der Burg erwartet hatte. Mitja wischte sich das Gesicht trocken und ging Wanja entgegen. Er musste ihn unbedingt davon abhalten, das Haus zu betreten, wo das Mädchen lag und sich im Fieber hin und her wälzte.

„Sag bloß, du kommst mich besuchen?“, fragte er leichthin.

Wanja war in voller Montur aufgekreuzt, mit Lederharnisch und Arm- und Beinschutz. Er trug ein Schwert am Gürtel und das Schild auf dem Rücken. Vom Pferd aus grinste er auf Mitja herab. „So kann man es nennen“, sagte er. „Du siehst aus, als hättest du eine kurze Nacht gehabt. Dabei ist es nicht mal mehr Morgen. Und wir dachten, du nutzt deine freien Tage, um dich auszukurieren.“

„Das habe ich auch“, hielt Mitja dagegen und rollte demonstrativ die linke Schulter, wo ihn vor vier Tagen das Waldläufermädchen mit dem Pfeil getroffen hatte. Die Bewegung ziepte und stach gewaltig. Aber das ließ er Wanja nicht merken. „Siehst du, ist fast wieder wie neu.“

Wanja stieg ab. „Na dann ist’s ja gut. Deine Ruhetage sind nämlich vorbei, mein Freund. Jetzt ruft die Pflicht wieder. Nikolaj hat einen Auftrag für uns. Und da du nicht wie verabredet auf der Burg erschienen bist, dachte ich, ich komme vorbei und hole dich ab.“

„Ah ja …“ Mitja hatte eine ungute Vorahnung. „Was für ein Auftrag denn?“

Wanja hob die Augenbrauen. „Na, wir suchen das Mädchen.“

Mitjas Herz setzte einen Schlag aus. „Ich … ich dachte, sie sei tot.“ Er versuchte, unbeschwert zu klingen. „Wenn sie bis jetzt nicht aufgetaucht ist, dann ist sicher nicht mehr damit zu rechnen, dass sie noch lebt, oder? Wir haben doch alle gesehen, wie der Fluss sie geholt hat.“

„Ach, Mitja“, Wanja schüttelte in gespieltem Bedauern den Kopf, „hast du noch immer nicht begriffen, wer hier das Sagen hat? Wenn Nikolaj will, dass wir das Mädchen suchen, dann suchen wir das Mädchen.“

„Aber er hat mir selbst gesagt, dass er sie für tot hält.“

„Nun, offenbar hat er seine Meinung geändert.“ Wanja zwinkerte ihm zu. „Während du dich hier auf die faule Haut gelegt hast, waren ich und die anderen ununterbrochen unterwegs und haben die Augen nach ihr offen gehalten. Abgesehen davon nutzen wir heute die Gelegenheit und werden unterwegs noch etwas anderes erledigen.“

„Und das wäre?“, fragte Mitja.

„Wir statten säumigen Bauern einen Besuch ab und bitten sie höflichst, ihre Abgaben an das Fürstentum nicht noch länger hinauszuzögern.“ Wanja grinste. „Es gibt immer ein paar Höfe, die nicht zahlen wollen. Und um die kümmern wir beide uns heute.“

„Das klingt ja … ganz ausgezeichnet“, sagte Mitja lahm. Es ging also um Faustarbeit. So zumindest hatte Nikolaj das genannt, als Mitja vor einigen Tagen bei ihm vorgesprochen hatte. Und eigentlich hatte Mitja diese Art von Arbeit nicht tun wollen. Aber nun hatte er das Mädchen im Haus. Nicht nur sein eigenes, sondern auch Avas Schicksal hing davon ab, dass er keine Aufmerksamkeit erregte. Er sollte Wanja also keinen Grund zum Misstrauen geben. Und Nikolaj schon gar nicht.

„Ähm … in Ordnung. Gib mir einen Moment“, bat er. „Ich bin gleich fertig. Dann können wir aufbrechen.“

* * *

An diesem Tag besuchten sie mehrere Höfe, die in den Wäldern verteilt lagen, und überall sammelte Wanja Abgaben ein. Er musste sich niemandem vorstellen. Die Leute kannten ihn. Aber sie begrüßten ihn nicht freundlich, sondern meist mit gesenkten Köpfen und hochgezogenen Schultern. Die Mütter riefen die Kinder ins Haus und ließen sich nicht mehr blicken. Kaum einer wagte es zu murren, und das, obwohl selbst Mitja sehen konnte, dass sie alle arm waren.

Wanja aber schien das nicht zu interessieren. Er wirkte fröhlich und unbekümmert, als würde er die Not der Menschen nicht sehen. Mitja jedoch war sich dessen nur allzu bewusst. Die Tatsache, dass er sieben Jahre lang selbst in bitterer Armut gelebt hatte, mit nichts als den Kleidern am Leib, die er sein Eigen nennen konnte, führte dazu, dass ihm die Anzeichen des Elends sofort ins Auge sprangen. Waren die Leute in Aheelia schon immer so arm gewesen? Zum Glück hatte er bei diesem Auftrag nicht viel mehr zu tun, als auf dem Pferd zu sitzen und finster dreinzuschauen.

Erst am Ende des Tages, als sie beim letzten Hof auf der Liste ankamen, geschah es, dass Wanja widersprochen wurde. Er hatte den Bauern aufgefordert, ihm die geschuldete Summe in Münzen zu zahlen.

Aber der Mann lachte nur freudlos. „Münzen? Unsereins hat keine Münzen mehr, Krieger!“

„Dann gib mir deine Ziege.“ Wanja zeigte auf die Weide, wo das Tier graste.

„Wenn ich das tue, dann werden meine Kinder Hunger leiden! Die Milch ist alles, was wir für den Kleinsten haben.“

„Dann hättet ihr sparsamer sein sollen“, gab Wanja gleichgültig zurück. „Du kennst die Höhe der Steuern. Hättest du entsprechend gewirtschaftet, dann wärst du jetzt nicht in diese Lage gekommen.“

„Die Steuern verdoppeln sich mit jedem Winter, die Ernte aber nicht! Das kannst du deinem Fürsten sagen!“, fuhr der Mann auf. „Dem Wald ist es egal, wie gut ich wirtschafte!“

Wanja musterte den vor Zorn bebenden Mann kühl. „Mein Fürst, sagtest du? Ist es denn nicht auch der deine?“

Der Mann schob das Kinn vor. „Mein Fürst ist der König! Nicht ein dahergelaufener Emporkömmling, der sich mit Hinterlist und Falschheit den Titel von Aheelia erschlichen hat.“

Wanja hatte den Mann so schnell am Kragen gepackt, dass Mitja erschrocken die Luft anhielt.

„Was sagst du da?“ Wanjas Stimme war gefährlich leise geworden. „Ich hoffe, ich habe mich verhört.“

Doch bevor der Bauer antworten konnte, stürzte ein Junge hinter der Hausecke hervor. Er hielt einen Knüppel in den Händen und schwang ihn gegen Wanja. Dieser duckte sich gerade noch weg, bevor die Waffe ihm den Schädel zerschmettert hätte. Aber der Knüppel streifte ihn dennoch am Arm. 

Mitja dachte nicht nach. Er sprang vom Pferd, blockte den nächsten Hieb des Jungen mit dem Arm ab, entwand ihm die Waffe und stieß den Halbwüchsigen so heftig fort, dass der gegen den Lattenzaun der Ziegenweide geschleudert wurde. Nun griff auch der Vater ein, der wohl glaubte, Mitja würde seinen Sohn tot prügeln wollen. Der dürre Bauer stürzte sich auf ihn. Mitja war gezwungen, ihn sich vom Leibe zu halten. Und so versetzte er ihm einen Schlag in die Nieren und einen weiteren gegen den Kiefer. Der Mann wankte rückwärts, und bevor er zu einem erneuten Angriff ansetzen konnte, hatte Mitja ihn schon am Hemd gepackt.

„Ganz ruhig jetzt!“, warnte er und hob drohend den Zeigefinger. „Du willst doch nicht, dass deine Kinder am Ende auch noch ohne Vater dastehen.“

Der Bauer atmete heftig. In seinem Gesicht war abzulesen, wie Zorn und Angst mit der Vernunft rangen. Er blickte sich um, erfasste wohl, dass er gegen Mitja und Wanja keine Chance hatte. Schließlich hob er zum Zeichen, dass er keinen Widerstand mehr leisten würde, die Hände.

Der Halbwüchsige hatte sich jedoch schon wieder aufgerappelt und wollte erneut angreifen.

„Nicht!“, rief der Vater. „Nicht, Pita!“

Aber der Junge gehorchte nicht. Mitja versetzte ihm einen halbherzigen Schlag ins Gesicht, sodass der Jugendliche erneut zu Boden ging. Blut lief ihm jetzt aus der Nase, und er blickte trotzig zu Mitja auf.

„Lass ihnen die Ziege, Pita!“, keuchte der Vater. „Lass sie nehmen, was sie wollen.“

Der Junge senkte den Blick. Tränen standen ihm in den Augen. Er ließ den Knüppel fallen.

Die Bauersfrau erschien mit bleichem Gesicht und fing die Ziege ein. Mitja zerrte das Tier ans Gatter und bat um ein Seil.

„Brauchen wir nicht!“, sagte Wanja und zog eine Kette mit einer Halsschelle daran aus der Satteltasche. Mitjas Hand zuckte davor zurück. Diese Ketten mit den Halsschellen kannte er nur zu gut. Er hatte sie selbst einige Male tragen müssen.

„Was willst du damit?“, fragte er finster.

Wanja lächelte wissend. „Na, für die Ziege. Wir müssen sie ja irgendwie zur Festung bringen. In die Schelle passt auch ein Ziegenhals hinein. Eigentlich würde ich sie ja viel lieber diesem Halbstarken da umlegen. Verdient hätte er es.“ Er rieb sich die Schulter, die von dem Knüppel getroffen worden war. „Aber ganz so hoch sind die Schulden seines Vaters dann doch nicht. Ich bin ja kein Unmensch.“ Er zwinkerte dem Bauern über Mitjas Schulter hinweg zu, und Mitja war froh, dass er dessen Gesicht nicht sehen musste. Zögernd nahm er die Kette entgegen und schloss den metallenen Ring um den Hals des Tieres. Die Ziege meckerte entrüstet.

Während Mitja aufs Pferd stieg, meinte er noch immer die anklagenden Blicke der Bauernfamilie auf sich zu spüren. Nun war es also schon so weit mit ihm gekommen, dass er Kinder schlug. Betreten rieb er über die brennende Haut an seinen Knöcheln. Der Junge war über einen Kopf kleiner als er gewesen und vermutlich nicht halb so schwer. Mitja hätte ihn nicht schlagen dürfen.

Aber Wanja machte sich darüber offenbar keine Gedanken. Während sie davonritten und den Hof hinter sich ließen, pfiff er eine fröhliche Melodie vor sich hin. Mitja schwieg. Diese Begegnung hatte einen schalen Nachgeschmack bei ihm hinterlassen.

„Du hast dich gut geschlagen“, sagte Wanja nach einer Weile, als sie schon fast bei der Festung angekommen waren. „Ich werde Nikolaj davon berichten. Er erwähnte schon, dass du flink mit den Fäusten bist.“

Mitja zuckte mit den Achseln, was ein Stechen in seine linke Schulter trieb. „Im Straflager gab es keine Waffen.“

„He, du hast alles richtig gemacht!“, sagte Wanja. „Kein Grund, dich zu schämen. Dieses Pack denkt sonst, es könnte unserem Fürsten auf der Nase herumtanzen.“ Und nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Hast du eigentlich schon entschieden, ob du im Sommer mitkommst zum Ting?“

„Zum Ting?“ Verblüfft wandte Mitja sich ihm zu. „Wie kommst du denn darauf? Was soll ich dort?“

Das Ting war die jährliche Zusammenkunft der sieben Fürsten am Hof des Königs. Bei dieser Versammlung wurden Allianzen geschmiedet, über Krieg und Frieden bestimmt, Streitigkeiten zwischen den Fürsten ausgeräumt, und vor allem fanden die Wettkämpfe statt, in denen sich die freien Männer beweisen konnten, um dem König vorgestellt zu werden. Denn nur der König erwählte die Krieger unter den Gewinnern der Wettkämpfe. Und nur die Krieger waren berechtigt, Asren zu tragen und ihrem Fürstentum in Krieg und Frieden zu dienen. Als Krieger unterstand man seinem Fürsten direkt, und die mächtigsten bekamen meist Landbesitz oder Burgen zur Verwaltung übertragen. Früher war es Mitjas Traum gewesen, von einem dieser Ting-Treffen als erwählter Krieger der sieben Fürstentümer heimzukehren.

„Du könntest dich als Kriegeranwärter vorstellen“, schlug Wanja vor. „Du bist zwar schon recht alt dafür, aber du scheinst dennoch gut in Form zu sein, dafür dass du nicht trainierst. Du müsstest Nikolaj nur darum bitten, dass er dich mitnimmt. Und natürlich müsstest du kräftig üben, damit du in deinem ersten Zweikampf nicht den Kopf verlierst. Aber ein paar Monde ist noch Zeit dafür. Du könntest es schaffen.“ Er grinste herausfordernd.

Wenn man den Kriegerstatus erlangen wollte, musste man an drei von fünf Wettkampfdisziplinen teilnehmen, erinnerte sich Mitja. Und die angesehensten davon waren der Schwert- und der Lanzenkampf. Keine dieser beiden beherrschte Mitja besonders gut. Glänzen konnte er nur im Bogenschießen und vielleicht im freien Ringen. Letzteres bedeutete in den Fürstentümern so viel wie waffenloser Kampf. Ob das wohl genügte?

Der alte Ehrgeiz regte sich in ihm. Sollte er es versuchen? War es vielleicht doch noch nicht zu spät für ihn?

„Meinst du das ernst?“, fragte er Wanja und konnte die Hoffnung nicht ganz aus seiner Stimme verbannen.

Wanja neigte den Kopf. „Die Frage ist nur, ob du es auch willst. Und du willst doch, oder?“ Er grinste. Wanja wusste eben, was er tun musste, damit Mitja anbiss.

* * *

Auf dem Weg nach Hause kaufte Mitja auf dem Markt ein. Wanja hatte ihm in Nikolajs Namen Münzen für seine „Faustarbeit“ ausbezahlt. Viele Münzen. Mehr, als Mitja wahrscheinlich jemals zuvor besessen hatte. Und obwohl der Dienst, für die er sie bekommen hatte, gallig schmeckte, konnte er nicht leugnen, dass Einkaufen mehr Freude bereitete, wenn man nicht jede Münze dreimal umdrehen musste. Er kaufte Brot, Fleisch, Käse und die Heilkräuter für die Waldläuferin, die Ava nicht mehr vorrätig hatte. Außerdem suchte er ein Kleid für das Mädchen aus. Es war ein schlichtes gebrauchtes Stück, aber es war das erste Kleid überhaupt, dass er einkaufte. Warum hatte er Janna damals nicht mehr Geschenke gemacht? Verdient gehabt hätte sie es.

„Wer ist denn die Glückliche?“, fragte der Händler scheu, während er für Mitja das Kleid zusammenlegte und über den Ladentisch schob.

Mitja sah auf. Er hatte dem Verkäufer kaum Beachtung geschenkt, so wie er überhaupt recht in sich gekehrt über den Markt geschlendert war. Und als er nun dem Blick des Händlers begegnete, schaute dieser schnell wieder weg.

„I-ich wollte dir damit nicht zu nahe treten … also …“, stammelte der Mann. „Bitte verzeih, wenn das zu persönlich war.“

„Schon gut“, entgegnete Mitja. Der Mann wirkte jetzt so verängstigt, als hätte Mitja ihn mit einem Messer bedroht. Ob es sich auf dem Markt herumgesprochen hatte, dass er nun zu Nikolajs Schlägern gehörte? Oder war es die Sträflingsnummer auf seinem Handrücken?

„Das Kleid … es ist für meine Großmutter“, sagte er, nur damit der Händler sich endlich beruhigte. Mitja fühlte seinen Kopf heiß werden. Schnell stopfte er das Kleidungsstück in die Satteltasche und ging weiter. Und während er den Markt überquerte, fiel ihm auf, dass die Leute Abstand zu ihm hielten. Sie traten ihm alle aus dem Weg. Es war, als ginge er allein und die Menschenmasse teilte sich vor ihm. Hinter ihm dagegen blieben die Leute stehen, blickten ihm nach und tuschelten. Kaum einer wagte es, seinem Blick zu begegnen. Und wenn doch, dann argwöhnisch. Nicht ein lächelndes Gesicht war unter ihnen. Es war nicht Verachtung, die sich in ihren Augen spiegelte, und sie sahen auch nicht auf ihn herab, wie er anfangs vermutet hatte. 

Nein. Sie hatten Angst vor ihm.

* * *

Ava warf Mitja wegen seiner wunden Handknöchel einen missbilligenden Blick zu, als er nach Hause kam. Natürlich wusste sie, was diese Art von Verletzung bedeutete. Solchen Schürfwunden begegnete man, wenn man Leute verarztete, die es regelmäßig mit Kämpfen und körperlichen Auseinandersetzungen zu tun hatten.

Die Geschichte mit der Geldeintreiberei und vor allem dem Halbwüchsigen stieß Mitja noch immer sauer auf. Der Junge konnte höchstens fünfzehn Winter alt gewesen sein. Etwa genauso alt, wie Mitja damals, als Nikolaj ihn maskiert in den Wald mitgenommen hatte.

Um Ava abzulenken, präsentierte er ihr all die Dinge, die er vom Markt mitgebracht hatte. Und er genoss es, wie sie sich darüber freute. An diesem Abend aßen sie so reichlich wie schon lange nicht mehr.

„Wie geht es denn dem Mädchen?“, fragte Mitja, als Ava eine Schale voll Fleischbrühe schöpfte und vor ihn hinstellte.

„Das Fieber scheint langsam abzuklingen“, sagte sie. „Die Wunde sieht nicht schlechter aus als gestern. Das ist ein gutes Zeichen. Willst du ihr die Brühe bringen?“ Sie hielt ihm die Schale und einen Löffel hin.

Mitja zögerte. Aber dann nickte er, nahm die Schale entgegen und ging hinüber zu seiner Schlafkammer, die nun als Krankenzimmer für die Waldläuferin diente. Er setzte sich auf den Hocker neben dem Bett. Das Mädchen lag bis zum Kinn unter einer Wolldecke. Ihre Augen waren geschlossen, aber ihr Mund stand leicht offen und Mitja konnte zwischen den hellen Haarsträhnen – heute wirkten sie fast golden – die etwas zu spitzen Ohren sehen. Ob es auch Ava aufgefallen war?

Er räusperte sich, in der Hoffnung das Mädchen auf sich aufmerksam zu machen. Aber ihre Lippen bewegten sich nur leicht, als würde sie im Traum mit jemandem reden.

„Hey“, sagte er. „Hast du Hunger?“

Ihre Augenlider zuckten ein wenig, aber mehr geschah nicht.

Ava trat in den Durchgang. „Sie wird nicht aufwachen“, sagte sie. „Ich habe ihr von dem Trank gegeben, damit sie ruhig bleibt. Du musst ihr die Suppe vorsichtig einflößen, damit sie sich nicht verschluckt. Mit dem Löffel. Ich zeige es dir.“

Er machte den Platz auf dem Hocker für Ava frei, und sie ließ dem Mädchen die Brühe Tropfen für Tropfen in den Mund rinnen. Hin und wieder konnte man sehen, dass sie schluckte. Schließlich gab Ava ihm Schale und Löffel zurück, und er machte weiter.

All das fühlte sich für Mitja seltsam friedlich an. Es gab ihm Gelegenheit, die fein geschnittenen, blassen Gesichtszüge des Mädchens zu betrachten – nein, wurde ihm bewusst, der jungen Frau. Denn sie war kein Kind mehr, das war offensichtlich. Ihre langen Wimpern wurden an den Spitzen so hell, dass man sie kaum noch sehen konnte. Das Farbenspiel ihrer Haut, das ihn im Wald so verwundert hatte, war verschwunden. Vielleicht hatte er es sich tatsächlich nur eingebildet. Womöglich lag nur ein entlaufenes Sklavenmädchen vor ihm, mit seltsamen Ohren, das einem Pelzjäger gehört und sich in den Wäldern durchgeschlagen hatte.

Aber was wollte Nikolaj dann von ihr?

„Willst du mir nicht erzählen, was du heute gemacht hast?“, fragte Ava nach einer Weile.

Mitja hielt mit dem Löffel inne, den er gerade an die Lippen des Mädchens hatte setzen wollen. Plötzlich nahm er wieder das Brennen der Schürfstellen an seinem Knöchel wahr.

„Wir haben … Aufträge für Nikolaj abgearbeitet“, antwortete er.

„Aha. So nennt man das also heutzutage. Abarbeiten.“

Mitja ließ den Löffel in die Schale fallen. Ein wenig Suppe spritzte auf seine Hose. „Freust du dich denn nicht über die Sachen, die ich dir mitgebracht habe?“

„Doch“, sagte Ava. „Aber ich mache mir auch Sorgen um dich. Ich habe Angst, dass du …“ Sie suchte nach Worten.

„Du musst keine Angst um mich haben“, erwiderte Mitja. „Ich weiß, was ich tue. Und Nikolaj bezahlt mich gut, wie du siehst.“

Ava presste die Lippen zusammen. „Ja. Aber woher kommen all die Münzen, die du von ihm erhalten hast? Hast du darüber schon einmal nachgedacht?“

Darüber musste er gar nicht rätseln. Er wusste es nur allzu gut. Mitja unterdrückte ein zynisches Lachen. „Er ist der Fürst. Fürsten besitzen eben Münzen“, sagte er. „Und wenn ich für ihn arbeite, wird er uns wenigstens keine Probleme machen.“

Avas Miene verfinsterte sich. „So wie damals, meinst du?“

Mitja schoss einen Blick zu ihr. Dann stand er auf und stellte die Schale ab. „Du hast doch überhaupt keine Ahnung, was damals war!“

Ava hielt ihn am Arm fest, bevor er nach draußen stürmen konnte. „Dann sag es mir endlich!“, verlangte sie.

„Nein! Das ist allein meine Sache!“

Ava stemmte die Hände in die Hüften. „Und was ist mit ihr?“ Sie machte eine Kopfbewegung in Richtung der Waldläuferin. „Was hast du mit ihr vor? Und was meinst du wohl, wie Nikolaj reagieren wird, wenn er herausfindet, dass du sie hier vor ihm versteckst?“

„Er wird es nicht herausfinden. Dafür werde ich schon sorgen.“

„Sei dir da nicht so sicher“, warnte Ava. „Du gibst dich mit ihm und seinen Leuten ab. Seit du hier bist, schleicht Wanja ständig in der Gegend herum. Und was Wanja weiß, das weiß auch Nikolaj, sei dir dessen gewiss. Du spielst mit unser aller Leben, Mitja.“

Er fasste sich. Ava hatte Angst, sonst nichts. Das war nur verständlich. „Dir wird nichts geschehen, Großmutter“, sagte er sanfter. „Ich habe Wanja im Griff. Und Nikolaj taucht hier nicht auf, das ist unter seiner Würde. Und wenn er es doch tun sollte und das Mädchen findet, dann werde ich einfach sagen, dass du mit alldem nichts zu schaffen hast. Ich werde alle Schuld auf mich nehmen, in Ordnung?“

Ava schüttelte resigniert den Kopf. „Ich kenne dich seit deiner Geburt, Mitja. Ich weiß, dass du die Schuld immer zuerst bei dir suchst. Aber ich bitte dich, mach denselben Fehler nicht zweimal. Nikolaj ist nicht zu trauen.“

Bevor er noch etwas sagen konnte, das ihm später leidtun würde, machte Mitja sich von ihr los und verließ das Haus.