Justizpalast in Brüssel
Entdecker-Blog: Justizpalast Brüssel

Ein Winter in Brüssel…

Was für ein Monstrum!

Das war mein erster Gedanke, als ich zum ersten Mal vor dem Justizpalast in Brüssel stand.

Den Winter 2018/19 durfte ich in der europäischen Hauptstadt verbringen. Und der Justizpalast hat sich währenddessen in meinen Kopf eingebrannt – und kam wenig später auf Papier wieder heraus. In abgewandelter Form versteht sich. Aber dennoch: der Donidentempel im zweiten Band der ‚Merles Fluch‘-Reihe hat einige Details und die Stimmung des brüsseler Justizpalasts mitbekommen.

Geniestreich oder Größenwahn?

Die einen halten ihn für genial, die anderen für maßlos überdimensioniert. Es ist ein unfassbares Gebäude, dessen Fassade von Säulen, Statuen, Auf- und Vorbauten nur so wimmelt. Ein wildes Gemisch von griechischen, römischen, ägyptischen und mesopotamischen Elementen.

Treppe im Vorbau des Justizpalasts

Der Justizpalast ist ein Wahrzeichen Brüssels und gleichzeitig eine immerwährende Baustelle. Wie er ohne Baugerüste aussieht, daran kann sich heute wohl niemand mehr erinnern. Die Unterhaltskosten sind immens und kaum sind die Schäden an einem Ende behoben, muss an anderer Stelle schon ein neues Leck gestopft werden.

Erst im September 2018 stürzte über Nacht die Decke eines Büroraumes ein (Einen Artikel in französischer Sprache findest du hier). Mitarbeiter beklagen Wassereinbrüche, Insektenbefall, Schimmel… Die Liste der zu behebenden Mängel ist lang.

Tatsache ist, dass der Brüsseler Justizpalast 2016 in die Liste bedrohter Bauwerke des Word Monuments Fund aufgenommen wurde. Die Belgische Regierung sieht umfassende Renovierungsarbeiten mit 100 Mio. Euro voraussichtlicher Kosten vor. Die Arbeiten sollen jedoch erst 2040 abgeschlossen werden. Und bis dahin? Es bleibt zu hoffen, dass den Behördenmitarbeitern nicht eines Tages buchstäblich die Decke auf den Kopf fällt.

Ein paar Daten

Im Jahr 1861 beauftragte man den brüsseler Architekten Joseph Poelaert mit dem Bau des Justizpalasts. Die geplanten Kosten beliefen sich auf 4 Mio. Franken. Daraus wurden am Ende 50 Mio. und keiner weiß heute so recht warum niemand diesem Wahn Einhalt gebot.

Einer der Gründe mag sein, dass der Justizpalast ein Projekt Leopolds I. war, das jedoch zum größten Teil während der Regierungszeit seines Sohns, Leopolds II. verwirklicht wurde. Dieser interessierte sich wesentlich mehr für seine Privatkolonie in Afrika, als für die Prachtbauten, die sein Vater in Auftrag gegeben hatte. Geld gab es ja genug.

Blick in die marmorene Empfangshalle des Brüsseler Justizpalasts

Der Bau des brüsseler Justizpalasts dauerte über zwanzig Jahre, von 1866-1887. Zum Zeitpunkt seiner Fertigstellung war es das größte Gebäude der Welt. Und noch heute zählt es zu den größten Steinbauten, die je von Menschenhand errichtet wurden. Mit einer Grundfläche von 26 000 m² übertrifft er sogar den Petersdoms in Rom. Und mit 52 464 m² nutzbarer Fläche ist es noch immer der größte Justizpalast weltweit.

Das Zentrum des Bauwerks ist die riesige Empfangshalle. Sie wird von einer Kuppel in über 100 m Höhe überdacht. In Poelaerts ursprünglicher Planung sollte jedoch eine Stufenpyramide nach dem Vorbild eines mesopotamischen Zikkurats den Justizpalast krönen.

Blick von der Empfangshalle nach oben in die über 100 m hohe Kuppel

Doch Poelaert starb noch vor der Fertigstellung. Die Pläne wurden nach seinem Tod geändert, weil eine solche Stufenpyramide ein unerhörtes und bisher nicht gesehenes Element auf einem westlichen Prachtbau des 19. Jh.s gewesen wäre.

Joseph Poelaert – Brüsseler Architekt der Superlative

Architekt Joseph Poelaert

Es geht das Gerücht um, Joseph Poelaert sei am Ende seines Lebens wahnsinnig geworden. Betrachtet man sein letztes Werk, so könnte man das durchaus in Erwägung ziehen. Doch beginnen wir von vorne.

Joseph Poelaert wurde am 21. März 1817 in Brüssel geboren. Seine Familie war wohlhabend und kunstliebend, und so musste sich der junge Joseph am Anfang seines Erwachsenenlebens entscheiden, ob er eine Karriere als Pianist oder Architekt einschlagen wollte. Er entschied sich für Letzteres – so wie übrigens auch seine Vater Phillipe Poelaert.

Er studierte an der Akademie der Schönen Künste in Brüssel und der Justizpalast war nur eines seiner berühmten Bauwerke. Andere Werke von ihm sind z.B. das Théâtre royale du Parc, das Théâtre de la Monnai und die Kathedrale Saint Michel et Gudule in Brüssel. Unter Leopold II. war er für zahlreiche Prachtbauten in der belgischen Hauptstadt verantwortlich (eine Liste seiner Werke findest du hier).

Er starb am 3.11.1879 plötzlich und unerwartet an einem Schlaganfall. Das war vier Jahre vor der Fertigstellung des Justizpalasts.

Die Legende vom verrückten Architekten

Wie kommt es, dass man diesen erfolgreichen, angesehenen und arbeitsamen Mann für geisteskrank hielt? Nur ein einziges überliefertes Ereignis gibt zu denken. Man sagt 1874 soll Joseph Poelaert verschwunden sein.

Nach drei Tagen tauchte er in Hal, einem niederländisch-sprachigen Ort in Brabant/Belgien wieder auf. Wie er dorthin kam, warum er niemanden über seine Reise informierte oder ob er sich selbst überhaupt daran erinnerte, ist unbekannt. Als Ursache wird ein tiefer Erschöpfungszustand genannt. Doch dieses Ereignis fand fünf Jahre vor seinem Tod statt. Warum sagt man ihm dann nach, er soll in geisteskrankem Zustand gestorben sein?

Die Antwort darauf könnte eine Falschinterpretation der Pressemitteilung über Poelaerts Tod sein. Darin wird als Todesursache eine „congestion cérébral“ genannt, also ein Hirnschlag. Sollte die damals oft schlecht französisch sprechende Bevölkerung Brüssels, dies mit „Geisteskrankheit“ übersetzt haben?

Oder fand man es romantisch, wenn das „Genie“ Poelaert tragisch am Ende seines Lebens den Verstand verlor? Mehrere Nachrufe und auch spätere Stimmen äußern, dass sein Werk derart komplex sei, dass es die Kapazität des menschlischen Gehirns überschreite und somit beinahe als logische Folge zur Geisteskrankheit führen müsse (frei übersetzt aus diesem Absatz „La légende de la « folie » de Poelaert„).

Andere behaupten, Poelaert könnte mit seinem zeitgenössischen Kollegen Jean-Baptiste Vifquain verwechselt worden sein, der tatsächlich 1854 in einer Heilanstalt für Geisteskrankheiten verstarb.

Wie auch immer dieses Gerücht entstand, Tatsache ist, dass es sich hartnäckig bis heute hält. Und das, obwohl es keinen stichhaltigen Beweis für die Geschichte des verrückten Architekten gibt.

Warum trotzdem Blut an den Mauern des Justizpalastes klebt

Ein dunkles Kapitel in der Geschichte des Justizpalasts ist jedoch nicht zu leugnen. Belgiens ertragreichste Kolonie war die heutige Demokratische Republik Kongo im Zentrum Afrikas. Und es ist keine Legende, dass auch der Brüsseler Justizpalast mit dem Blut kongolesischer Sklaven und Zwangsarbeiter erbaut wurde.

Karte des „Kongofreistaats“ von 1906

Unter all den Kolonien des 19. Jh.s nahm der Kongofreistaat eine Sonderrolle ein. Denn Leopold II. besaß sämtliche Anteile der Internationalen Kongo-Gesellschaft. Der Kongo wurde daher nicht, wie andere Kolonien von einem Staat verwaltet, sondern er war ab 1885 Privatbesitz des belgischen Königs.

Kautschukboom und Kongogräuel

Die Industrialisierung Europas und Nordamerikas machte den Kautschuk zu einem begehrten Rohstoff. Er wurde für Schuhe, Reifen und für den Eisenbahn- und Maschinenbau benötigt.

Die neu gepflanzenten Kautschukplantagen in Mittelamerika und Asien würden noch zwanzig Jahre Wachstumszeit brauchen, ehe sie rentabel wurden. Im Kongo dagegen gab es reiche natürliche Vorkommen an Bäumen mit Kautschukranken. Dieses Gebiet eröffnete eine auf zwanzig Jahre begrenze Monopolstellung in der Kautschukproduktion. Und die Gewinnaussichten waren enorm.

Auspeitschung eines kongolesischen Sklaven.

Leopold II. erkannte diese Chance und war entschlossen das maximal Mögliche aus seiner Privatkolonie herauszuholen. Mit dem Ziel höchste Gewinne zu machen, wurde die kongolesische Bevölkerung in einem staatlich organisierten Zwangsarbeitersystem ausgebeutet.

Jeder Kongolese musste eine Kopfsteuer in Naturalien ableisten, wobei der Kautschuk das erwünschte Zahlungsmittel darstellte. Um Druck zur Einhaltung der Lieferquoten auszuüben, nahm man die Frauen als Geiseln. Brachten die Männer ihren Kautschuk zu spät oder nicht genug, wurden die Frauen getötet. Tot in Geiselhaft, Vergewaltigungen und Verstümmelungen waren an der Tagesordnung. Und wenn die Kongolesen versuchten, sich zu wehren, wurden ganze Dörfer niedergebrannt und die Einwohner ausnahmslos getötet.

Diese Epoche zwischen 1888 – 1908 nannte man die „Kongogräuel„. 8-10 Mio. Menschen sollen dabei qualvoll umgekommen sein, die Hälfte der damaligen kongolesischen Bevölkerung.

Der Fall Nsala aus Wala

Durch Handamputation verstümmelte Kongolesen

Das Gebiet der Kongokolonie war zu groß, um es allein mit europäischen Kräften zu kontrollieren. So engagierte Leopold II. einheimische Söldner, die sog. „Force Publique“, um auf die Bevölkerung Druck auszuüben. Die dokumentierten Foltermethoden und Misshandlungen sind unvorstellbar. Beispielsweise musste die „Force Publique“ für jede abgefeuerte Patrone, die Hand eines Getöteten vorweisen. Da aber nicht jeder Schuss traf, wurden die Hände oft lebenden Personen abgeschlagen, nicht selten Kindern.

Ein ergreifendes Zeitdokument ist das Foto von Nsala aus dem Dorf Wala, aufgenommen von Lady Alice Seeley Harris im Jahr 1904. Der Mann namens Nsala hatte die auferlegte Kautschukquote nicht erfüllen können und als Strafe tötete die „Force Publique“ seine Frau und seine fünfjährige Tochter Boali. Es wird berichtet, dass die Körper anschließend zerteilt, zubereitet und von den Mitgliedern der „Force Publique“ verspeist wurden. Lediglich ein Fuß und eine Hand von Boali waren Nsala geblieben. Und das ist es auch, worauf er auf diesem Foto starrt.

Nsala aus Wala: Ein Vater betrachtet die Reste seiner fünfjährigen Tochter.

Fazit

Erst 1960 wurde dem Kongo Unabhängigkeit gewährt. Die Schrecken, die die Menschen in der Kolonialzeit dort erleiden mussten, waren unermesslich. Und der Profit, den der belgische König Leopold II. daraus zog, war es ebenso. Der Justizpalast in Brüssel ist nur ein Beispiel für einen Prachtbau, der aus diesen Geldern finanziert wurde.

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