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Buchtipp: Die Mauer von John Lanchester
  • Autor: John Lanchester
  • Übersetzerin: Aus dem Englischen von Dorothee Merkel
  • Genre: Roman, Gegenwartsliteratur, Dystopie
  • Verlag: Klett-Cotta
  • Jahr: 2019
  • Seitenzahl: 348 S.

Inhalt


Handlung

Die Mauer von John Lanchester erzählt die Geschichte von Joseph Kavanagh, einem jungen Mann, der im Großbritannien einer nicht allzu fernen Zukunft lebt. Seine Welt ist durch die Folgen des Klimawandels aus den Fugen geraten, und Großbritannien hat seine komplette Küste mit einer gigantischen Betonmauer umgeben.

Diese Mauer dient vor allem der Verteidigung gegen die sog. „Anderen“, also Flüchtlinge, deren Länder vom steigenden Meeresspiegel verschluckt wurden oder durch die Erderwärmung unbewohnbar geworden sind.

Jeder junge Bürger muss 2 Jahre lang als „Verteidiger“ auf der Mauer dienen, und diese Pflicht ist gefürchtet. Denn für jeden nicht aufgehaltenen Eindringling, wird ein Mauerverteidiger aufs Meer hinausgeschickt und gehört fortan selbst zu den Anderen. Jeder Verteidiger kämpft also nicht nur um die Mauer, sondern auch um sein eigenes Leben.

Das Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen den Verteidigern ist deshalb stark. Es entwickeln sich Freundschaften und zu einer seiner Kameradinnen fühlt Kavanagh sich besonders hingezogen. Doch die Eintönigkeit des Mauerdienstes bricht jäh ab, als es tatsächlich zum Angriff kommt.


Thema

Wie fühlt sich eine Generation, die mit den Konsequenzen des Klimawandels leben muss, jedoch nicht für ihn verantwortlich ist? Das ist die Frage, um die sich alles in Die Mauer dreht.

John Lanchesters Roman malt eine düstere Zukunft, in der sich all die negativen Prognosen über die Folgen des Klimawandels bewahrheitet haben. Man blickt tief in die Psyche seiner Hauptperson, des jungen Mannes Kavanagh, dessen Leben von der Mauer bestimmt ist, und der Strände und Überfluss nur aus alten Fernsehsendungen kennt.

Seinen Eltern, der Generation der Verantwortlichen des „Wandels“, fühlt er sich entfremdet, denn sie schämen sich und flüchten sich in Erinnerungen, an eine nicht mehr existierende Welt.

Kavanagh durchschaut das. Er tut seinen Dienst auf der Mauer und glaubt nicht daran, dass er von seinen Eltern noch irgendetwas lernen könnte. Die meisten seines Alters wollen nicht einmal mehr Kinder in die Welt setzen, egal wie viele Privilegien die Elite den sog. „Fortpflanzlern“ gewährt.


Meinung


Plot

Die Handlung beginnt mit Kavanaghs Einberufung zum Mauerdienst. Mit ihm zusammen taucht man also in eine Welt aus Kälte, Beton und Langeweile ein. Und natürlich Angst. Aber die manifestiert sich schleichend.

Wie es sich gehört, steigern sich die Konflikte und Enthüllungen im Laufe des Romans. Von falschem Alarm, über Kampfübungen bis hin zum tatsächlichen Angriff und Verrat ist alles dabei.

Das Ende ist folgerichtig, aber durchaus nicht vorhersehbar. Es fühl sich an, als hätte John Lanchester seine Antwort auf die Frage gegeben, was passieren wird, wenn wir unser Verhalten in Bezug auf die Umwelt nicht ändern.

Figuren

Dem Protagonisten Joseph Kavanagh, aus dessen Sicht die Geschichte erzählt wird, ist man sehr nah. Zwar kann ich nicht sagen, ob ich ihn besonders mochte, aber es ist leicht sich mit ihm zu identifizieren. Vielleicht gerade deshalb, weil er ein „Jedermann“ ist.

Die Nebenfiguren dagegen, sind mit wenigen Worten sehr konkret umrissen. Sie haben Profil, und zusammen mit Kavanagh ordnet man sie leicht in Schubladen ein, wie „der harte Hauptmann“, der „Baby-Politiker“, oder die „sympathische Köchin“.

Worldbuilding

Die Welt des Romans Die Mauer ist an Aktualität kaum zu überbieten. Zugleich entspricht sie aber auch voll dem „Klimawandel/Katastrophen“-Klischee.

In fiktionaler Hinsicht holt einen das Worldbuilding also nicht vom Hocker. Aber das ist wohl auch nicht der Anspruch des Autors gewesen. Die Welt, die John Lanchester in Die Mauer zeichnet, ist praktisch nur zwei Schritte von unserer Realität entfernt. Und vielleicht ist sie deshalb auch so glaubhaft.

Erzählstil

John Lanchester erzäht seinen Roman aus Kavanaghs Sicht, in der ersten Person. Sein Charakter ist sehr denkerisch veranlagt und er verliert sich in mancher Action-Szene ein wenig in Details. Diese Zeitlupen-Perspektive kommt oft gerade dann, wenn die Handlung eigentlich sehr schnell vorangehen sollte. Das widerspricht ein wenig den Gewohnheiten moderner Genreliteratur. Aber wenn man sich darauf einlässt, kann man dem Ganzen durchaus etwas abgewinnen.

Fazit

Die Mauer von John Lanchester setzt ein persönliches Schicksal in den Kontext einer realistischen Zukunftsvision, in der die Folgen des Klimawandels die Menschheit endgültig eingeholt haben.

Die Geschichte hält sich aber nicht mit Klimawandel-Erklärungen auf, sondern konzentriert sich voll und ganz auf eine Hauptperson, ihr Innenleben, wie sie mit den Unbilden ihrer Welt zurechtkommt und schließlich ihren Weg findet.

Die Mauer von John Lanchester hat mich weniger durch einen mitreißenden Spannungsbogen gefesselt, sondern vielmehr durch die sehr realistische Sicht des Protagonisten, in dessen Haut man von der ersten Seite an steckt.

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